FOTOS: MATTHIAS KIRCHHOFF TEXT: CARLMAKESMEDIA
Sonntag, 15.4.2026, 15 Uhr, Gütersloher Bahnhof. Fünf junge Männer, Fahrradkartons, ein bisschen Nervosität – und vor allem: keine Ahnung, wohin es geht. Die Route? Versiegelt in Briefumschlägen. Erst am Flughafen dürfen sie nachschauen. Die Reise geht nach Tunesien. Ein kurzer Moment des Staunens, dann breitet sich Vorfreude aus. Nordafrika also. Warm, weit weg, unbekannt. Genau richtig, denken sich Rasmus Becker, Domenik Hohmann, Dennie Illner, Christoph Neiske und Leon Masjosthusman.
Schon am Flughafen zeigt sich: Diese Reise wird kein Spaziergang. Kartons müssen umgebaut, Warnhinweise überklebt werden, weil sie nicht ins Flugzeug dürfen. Improvisation gehört ab jetzt dazu. Und sie wird bleiben.
Als sie mitten in der Nacht in Tunis landen, schrauben sie ihre Räder zwischen Gepäckbändern und Neonlicht zusammen. Fremde sprechen sie an, bieten ihnen Hilfe an, laden sie ein. Die Fünf bekommen eine erste Ahnung davon, was sie erwartet: Offenheit, Neugier – und eine Gastfreundschaft, die sie so nicht kennen.
Sie steigen direkt aufs Rad. An Schlaf denkt in dieser Nacht kaum jemand. Dafür ist alles zu neu, zu aufregend, zu unwirklich.
Die Landschaft zieht vorbei: erst Stadt, dann Hügel, grüne Felder. Gegenwind, Sonne, Müdigkeit. Am Abend stehen die Zelte an einem kleinen See. Nudeln über dem Feuer, erschöpftes Lachen. Natürlich bleibt auch ihnen der Regen nicht erspart – eine Speichenknacker-Tour ohne schlechtes Wetter wäre vermutlich ohnehin nicht vollständig gewesen.
Und trotzdem: kleine Restaurants am Wegesrand, Gespräche mit Menschen, die sie einfach ansprechen. Alles wirkt leicht – bis die Strecke wieder anzieht, die Beine schwer werden und der Wind stärker.


Doch es sind vor allem die Begegnungen, die sich tief einprägen werden. Ein Mann lädt sie auf die Olivenplantage seiner Familie ein. Zwischen tausenden Bäumen sitzen sie im Schatten, essen gemeinsam, hören Geschichten von einem Leben zwischen Tunesien und Europa. Später führt er sie durch eine antike Stadt aus römischer Zeit. Für ein paar Stunden zählen weder Gegenwind noch Kilometer.
Doch der nächste Abschnitt fordert sie. Lange Etappen, Pannen, Gegenwind. Eine verbogene Kurbel, gerissene Ketten, improvisierte Reparaturen irgendwo zwischen Werkstatt und Hinterhof. Und immer wieder: Menschen, die helfen, ohne zu zögern.
Je weiter sie fahren, desto karger wird die Landschaft. Grün geht über in Steppe, Steppe in Wüste. Abends stehen sie auf einer Anhöhe und sehen die Sonne im Staub versinken. Und irgendwann liegt plötzlich das Meer vor ihnen. Sie springen ins Wasser, einfach so, weil dieser Moment genau danach verlangt.
Zwischendurch taucht immer wieder die Polizei auf. Begleitet sie, bringt sie zu sicheren Schlafplätzen, wacht nachts neben ihren Zelten. Manchmal wirkt es fast surreal – fünf Radfahrer, eskortiert durchs Land.
In Kairouan, einer der heiligsten Städte des Islams, teilen sie sich. Drei entscheiden sich für mehr Zeit, mehr Begegnungen. Zwei für Tempo, Strecke, Herausforderung. Zwei Wege, ein Abenteuer.
Am Ende führt alles wieder zusammen. Und dann dieser letzte Kontrast: Noch vor wenigen Tagen schlafen sie in verlassenen Häusern oder auf Olivenfeldern. Jetzt sitzen sie in einer Präsidentensuite, essen am Buffet, schauen sich an und lachen.
Am nächsten Morgen liegen sie wieder auf Isomatten unter einer Treppe am Flughafen.Genau das ist es, was bleiben wird. Es sind nicht die Kilometer oder die Route. Sondern dieses Gefühl, unterwegs zu sein, ohne alles zu planen. Sich treiben zu lassen. Fremdes zuzulassen. Und die Erkenntnis, dass das Wichtigste oft genau dann passiert, wenn man es nicht vorher festgelegt hat.
Am Ende sagen sie: Diese Reise war ein Blindflug. Und vielleicht war genau das ihr größtes Glück.
















