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  • 01.09.2026
  • Ausgabe 126
  • RegioCarl

CAFETALK PART12

GÜTERSLOH OHREN AUFGEMACHT
CarlMakesMedia Redakteurbild

CarlMakesMedia

FOTOS: PIERRE HEITMEYER TEXT: MATTHIAS KIRCHHOFF

»Ich bin die personifizierte Stadtführerin« Es gibt Menschen, die kennen eine Stadt. Und es gibt Menschen, die kennen ihre Geschichten. Brunhilde Kohls gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Seit vielen Jahren führt sie durch Gütersloh, erzählt von Menschen, Häusern und längst vergangenen Zeiten – und schlüpft dabei regelmäßig in die Rolle von »Güths Mariechen«, jener legendären Gütersloher Marktfrau, die als bodenständig, fleißig, schlagfertig und ausgesprochen selbstbewusst gilt. Doch wer ist eigentlich die Frau hinter der historischen Figur? Warum wurde Geschichte zu ihrer Leidenschaft? Was macht eine gute Stadtführung aus? Und warum kann selbst ein Dauerregen mit einem Erzbischof aus Indonesien zu einer unvergesslichen Gütersloh-Geschichte werden? Matthias Kirchhoff hat mit Brunhilde Kohls beim 12. CaféTalk darüber gesprochen.

Brunhilde, wenn man Ihren Namen hört, würde man nicht unbedingt vermuten, dass dahinter eine echte Gütersloh-Kennerin und sogar Güths Mariechen steckt. Wo kommen Sie eigentlich her?

Ich bin in Bielefeld geboren und dort auch zur Schule gegangen. Meine Kindheit habe ich allerdings zu einem großen Teil im Bauernhausmuseum in Bielefeld verbracht. 

Mein Vater war Maschinenbauingenieur und kam selbst vom Bauernhof. Er war ein bisschen ein Aussteiger und hatte gelesen, dass das Bauernhausmuseum einen neuen Museumswart suchte. Also sind wir als Familie dorthin gezogen. Ab meinem zehnten Lebensjahr bin ich dort groß geworden. 

Das klingt nach einer ziemlich ungewöhnlichen Kindheit.

Ja, und ich glaube, dass dort auch meine Liebe zur Geschichte entstanden ist. Aber nicht zu trockenen Geschichtszahlen. Mich interessieren die Menschen dahinter, die Zusammenhänge und die Geschichten, die sich hinter den Dingen verbergen.

Wie sind Sie dann von Bielefeld nach Gütersloh gekommen?

Ganz einfach: der Liebe wegen. Als ich meinen Mann kennengelernt habe, war er Handwerksmeister in Gütersloh. Wir haben uns kennen- und lieben gelernt, und irgendwann bin ich komplett nach Gütersloh umgezogen. Ich war dann seine rechte Hand im Büro und habe mit ihm zusammengearbeitet.

Als er später die Firma in jüngere Hände gegeben hat, war für mich irgendwann die Frage: Was mache ich jetzt? Dann habe ich gelesen, dass im Zusammenhang mit der Landesgartenschau Stadtführer ausgebildet wurden. So bin ich zu den Stadtführungen gekommen – zunächst in Rietberg und später dann auch in Gütersloh.

Und ausgerechnet Gütersloh wurde dann zu Ihrer großen Leidenschaft?

Ja. Wenn man sich mit der Geschichte beschäftigt, ist Gütersloh unglaublich spannend. Die Stadt ist aus einem kleinen Dorf entstanden und hat durch die Kaufleute und vor allem durch den Bahnanschluss einen enormen Schub bekommen. Die Kaufleute waren clever und haben erkannt, welche Möglichkeiten darin lagen.

Was Gütersloh für mich außerdem besonders macht, ist seine Struktur. Die Stadt ist trotz ihrer Größe relativ kompakt geblieben. Wir haben einen starken, gesunden Mittelstand sowie unterschiedliche Industrien. Diese Mischung hat Gütersloh immer wieder geholfen.

Sie sagen, Sie interessieren sich nicht für Jahreszahlen, sondern für die Menschen und Geschichten dahinter. Was bedeutet das konkret?

Wenn man durch Gütersloh geht, sieht man an jeder Ecke etwas, an dem man normalerweise achtlos vorbeigeht. In der Fußgängerzone steckt beispielsweise unglaublich viel Geschichte. Die Entwicklung der Kaufmannschaft, die jüdischen Kaufleute, die Häuser und die Art, wie die Menschen sich damals nach außen präsentiert haben.

Oder der Kolbeplatz: Wo heute der eigentliche Platz ist, waren früher Gärten. Die Martin-Luther-Kirche steht auf einem Grundstück, bei dem es einmal vier Eigentümer gab, die man zusammenbringen musste.

Und dann unser Theater. Da, wo heute das Theater steht, war früher eine Brauerei. Später wurde dort unter anderem Pilzzucht betrieben und im Zweiten Weltkrieg wurde dort Munition gelagert. Wenn man solche Geschichten kennt, sieht man die Stadt plötzlich mit ganz anderen Augen.

Gibt es einen Ort, an dem selbst eingefleischte Gütersloher regelmäßig überrascht sind?

Ja. Zum Beispiel bei Papenbeer. Dort gibt es noch ein Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg, einen Hinweis auf einen Luftschutzkeller. Die meisten Menschen gehen einfach daran vorbei und nehmen es gar nicht wahr. Wenn ich Gütersloher bei einer Führung dorthin bringe, sagen viele: »Unglaublich. das haben wir noch nie gesehen.«

Genau das liebe ich an meinen Führungen.

Kennen die Gütersloher ihre eigene Stadt eigentlich wirklich?

Nein.

Kurz und schmerzlos?

Ja genauso ist es.

Wenn heute jemand neu nach Gütersloh ziehen würde und Sie hätten genau eine Stunde Zeit, ihm die Stadt zu zeigen – wo würden Sie anfangen?

Am Alten Kirchplatz. Dann würde ich Richtung Parkhotel gehen und von dort bis zum Theater. Ich hatte einmal eine Gruppe von Influencern, die über Städte berichten. Die waren im Parkhotel, haben dort gegessen und den Abend dort beendet. Meine Aufgabe war, ihnen in genau 60 Minuten Gütersloh zu zeigen.

Das hat wunderbar funktioniert, weil man auf diesem Weg unglaublich viel von Gütersloh unterbringen kann. Und die Influencer waren begeistert.

Irgendwann wurden Sie selbst zu einer Gütersloher Institution: Güths Mariechen. Wie kam es dazu?

Das war eigentlich ganz einfach. Mein Kollege Klaus Gottenströter war als Nachtwächter unterwegs und hatte eine Gruppe Turnerinnen zur Stadtführung. Die Gruppe wurde irgendwann so groß, dass sie geteilt werden sollte.

Da habe ich gedacht: Klaus kann sich noch so schön als Nachtwächter verkleiden – aber ein bisschen Gesellschaft braucht er schon. Mein Mann kannte die Familie von Güths Mariechen. Er war mit ihrem Enkel befreundet und kannte dadurch viele Geschichten aus der Familie. 

Also dachte ich: Brunhilde, du machst Güths Mariechen.

Ich habe eine Freundin gefragt, die Laientheater spielt, ob sie ein passendes Kleid für mich hätte. Dann habe ich mir ein altes Foto von Güths Mariechen besorgt, ein passendes Kleid herausgesucht und bin einfach losgezogen.

Was fasziniert Sie an dieser Frau bis heute?

Sie war eine außergewöhnliche Frau. Güths Mariechen hatte sieben Kinder, die sie großgezogen hat. Sie hat in der Grünen Straße ein Haus gebaut, Ackerland gepachtet, selbst gesät, geerntet und Gemüse verkauft.

Sie hat zwei Weltkriege erlebt und gleichzeitig miterlebt, wie Gütersloh Strom, Gas und fließendes Wasser bekam.

Und sie war eine unglaublich starke Persönlichkeit. Sie war fleißig, bodenständig, geschäftstüchtig und schlagfertig.

Und ein bisschen frech soll sie auch gewesen sein?

Ja, durchaus. Sie konnte sehr direkt sein. Zum Beispiel konnte sie es überhaupt nicht leiden, wenn jemand ihr Gemüse anfasste. Egal, wer vor ihr stand – jeder Kunde wurde gleichbehandelt. Ob Fabrikant, Banker oder die arme Mutter mit vier Kindern, jeder musste sich in Reihe anstellen. Einer ihrer Sprüche war: »Wenn ich so schön wäre wie meine Tomaten, ließ ich mich den ganzen Tag fotografieren.«

Wie viel Güths Mariechen steckt denn eigentlich in Brunhilde Kohls?

Gerade wenn es um die Schlagfertigkeit geht, sagt man mir das jedenfalls nach. Aber bei einer Stadtführung lasse ich mich natürlich nicht provozieren. Wenn jemand beispielsweise meint, mir erklären zu müssen, woher der Name Gütersloh kommt, bleibe ich ganz ruhig und sage: »Sehen Sie, jetzt haben wir schon zwei Geschichten. Beide haben wir nicht zu der Zeit gelebt. Das ist Geschichte – und genau deshalb ist es interessant.«

Verändert sich etwas, wenn Sie in die Rolle von Güths Mariechen schlüpfen?

Ja. In dem Moment, in dem ich das Kleid anziehe und zu den Leuten komme, bin ich in dieser Rolle. Güths Mariechen war sehr ernst, konnte aber gleichzeitig unglaublich fröhlich sein und ihre Sprüche bringen.

Es kommt allerdings immer auf die Gruppe bei der Stadtführung an. Güths Mariechen war schon sehr urig. Das ist keine klassische Familienführung.

Was würde Güths Mariechen wohl sagen, wenn sie heute über den Gütersloher Marktplatz laufen würde?

Sie würde wahrscheinlich erst einmal feststellen, dass der Fortschritt nicht aufzuhalten war. Aber unseren Markt würde sie sicherlich mögen.

Nur das Gemüse dürfte niemand anfassen.

Warum nicht?

Das war bei ihr einfach nicht erlaubt. Und gleichzeitig war sie sehr liebenswürdig. Ihre Enkelin hat mir erzählt, dass ihr das Geld, das sie verdiente, sehr wichtig war. Es war hart verdient. Sie hat es sogar gebügelt.

Aber sie hatte auch ein soziales Herz. Wenn sie sah, dass ein Mann mit vielen Kindern bei ihr Gemüse kaufte und sie wusste, dass er nicht viel Geld hatte, konnte es passieren, dass sie sagte: »Das zahlen die nächsten Kunden gleich mit.« Sie hatte ihre ganz eigene Mischkalkulation.

Sie haben in all den Jahren wahrscheinlich hunderte Menschen durch Gütersloh geführt. Gibt es eine Begegnung, die Sie nie vergessen werden?

Es gibt viele. Jede Führung ist für mich wichtig. Ich telefoniere vorher immer mit den Menschen, weil ich wissen möchte, was sie interessiert und was sie sehen möchten. Deshalb gleicht bei mir eigentlich keine Führung der anderen.

Eine besondere Herausforderung waren beispielsweise die Autoren und Mitwirkenden des neuen Gütersloh-Buches. Da musste ich mir genau überlegen, was ich ihnen zeigen kann. Denn die wollten natürlich keine Jahreszahlen hören. Die wollten wissen, was in den Häusern passiert ist und welche Geschichten dahinterstecken.

Und dann gab es noch eine ganz besondere Führung: Ein Erzbischof aus Indonesien kam mit seinem Pressesprecher und weiteren Begleitern nach Gütersloh.

Das klingt schon einmal nach einer besonderen Gruppe.

Und dann kam der Regen.

Die Wetter-App sagte für den nächsten Tag Dauerregen voraus. Also habe ich im Hotel angerufen und sechs Regenschirme bestellt. Morgens standen dort tatsächlich sechs Herren – alle in Zivil, mit derben Schuhen und sahen irgendwie gleich aus. Ich habe dann einfach nach dem Bischofsring gesucht.

Wir waren schließlich komplett durchnässt. Kein Regenschirm hat mehr geholfen. Aber die Gruppe hat das ganz gelassen genommen. In Indonesien regnet es schließlich auch öfter.

Zum Schluss ging es in die Pankratiuskirche. Ich wollte ihnen etwas Besonderes zeigen und hatte mich entsprechend vorbereitet. Die Kirche hat wunderschöne Fenster. Ich habe jemanden aus der Gemeinde organisiert, der mir die Geschichte dazu erklären konnte. Und ich hatte natürlich auch einen Schlüssel. Natürlich.

Ja. Ich habe immer gesagt: Wenn ich eine Kirche oder ein Gebäude nicht richtig zeigen kann, weil ich keinen Schlüssel bekomme oder unter Zeitdruck stehe, dann lasse ich es lieber weg. Ich möchte immer das Besondere herausarbeiten.

Haben Sie durch Ihre Gäste eigentlich auch schon einmal selbst etwas über Gütersloh gelernt?

Auf jeden Fall. Gerade bei Führungen kommen manchmal Menschen, die ganz persönliche Geschichten mit einem Ort verbinden.

Bei einer Weihnachtsführung Am Alten Kirchplatz erzählte beispielsweise eine Teilnehmerin, dass ihre Großmutter dort gewohnt hatte. Sie erzählte, wie sie nach dem Kirchgang dort Weihnachten gefeiert hatten.

Das sind Geschichten, die man in keinem Geschichtsbuch findet. Und genau das macht eine Führung für mich aus.

Was ärgert Sie als Stadtführerin manchmal an Gütersloh?

Dass Dinge verschwinden. Aber man muss auch differenzieren. Über das alte Rathaus kann man beispielsweise unterschiedlicher Meinung sein. Viele fanden es wunderschön, andere wussten, wie marode es innen war.

Ich finde es beispielsweise großartig, was gegenüber vom Café Fritzenkötter mit der alten Fassade des Schuhhauses gemacht wurde. Außen wurde die historische Fassade erhalten, innen entstand etwas Neues.

Und worauf sind Sie als Gütersloherin besonders stolz?

Für mich sind es drei Gebäude: die Martin-Luther-Kirche, die Apostelkirche und das Theater.

Gerade die Apostelkirche ist unglaublich spannend. Der Turm stammt aus der Zeit um 1200. Nach den Zerstörungen im 2. Weltkrieg wurden Steine gesammelt und wieder verwendet. Wenn man sich einmal ganz ruhig an die Kirche stellt und genau hinsieht, erkennt man diese Geschichte.

Man muss einfach nur mit offenen Augen durch Gütersloh gehen.

Wenn Sie Gütersloh mit einem einzigen Wort beschreiben müssten?

Lebenswert. Gütersloh hat Schulen, Krankenhäuser, Kultur – eigentlich alles. Es ist eine Stadt, in der es sich lohnt zu leben.

Und welchen Wunsch würden Sie Gütersloh für die nächsten 20 Jahre mitgeben?

Ich weiß, dass überall finanziell gekürzt wird. Aber ich wünsche mir, dass das erhalten bleibt, weshalb die Menschen nach Gütersloh kommen.

Unsere großartigen Märkte zum Beispiel. Oder der Botanische Garten. Wenn etwas erst einmal heruntergewirtschaftet ist, bekommt man es später nur schwer wieder hoch. Und ich mache mir auch Gedanken um die Apostelkirche. Gütersloh lebt aber auch vom Engagement der Menschen. Nehmen Sie Hans Mertens Am Alten Kirchplatz. Er hat seine private Ausgrabungsstätte so hergerichtet, dass Menschen sie besichtigen können. Daraus ist sogar meine Führung „Fenster in  die Vergangenheit“ entstanden.

Das finde ich großartig. Ein Privatmann hätte das alles nicht machen müssen.

Wenn Sie einmal nicht Stadtführerin sind und nicht Güths Mariechen verkörpern – was machen Sie dann?

Ich bin Reisebegleiterin bei der AWO. Allerdings als Springer. Das ist mir lieber, weil es immer wieder etwas Neues ist. Wenn jemand ausfällt, bekomme ich einen Anruf: »Brunhilde, kannst du losfahren?« Und ich frage: »Wo geht es hin?«

Manchmal habe ich nur wenige Tage Zeit, um mir etwas auszudenken. Und wenn ich dann ankomme, habe ich vielleicht noch einen halben Tag, um ein Programm für die Gruppe zusammenzustellen.

Aber genau das reizt mich.

Sie reisen also auch privat gerne?

Sehr gerne. Ich war unter anderem in China, Jordanien, Ägypten und Namibia. Ich bin nicht der Typ, der an die Nordsee fährt und sich an den Strand legt.

Welche Reise hat Sie besonders beeindruckt?

Namibia.

Diese Unterschiedlichkeit der Landschaft, aber auch die Geschichte des Landes und die verschiedenen Einflüsse des deutschen Kolonialismus. Man sieht, wie das Land versucht, sich zu entwickeln, und welche Schwierigkeiten damit verbunden sind.

Auch Ägypten hat mich sehr beeindruckt. Ich war mehrmals dort. Wenn man am Vormittag durch eine Stadt fährt, in der Hunderttausende Menschen leben und Müll sortiert wird, und am Nachmittag durch die Wüste fährt und sieht, wie gleichzeitig das neue Kairo aus dem Boden gestampft wird, bekommt man einen völlig anderen Blick auf das eigene Leben.

Was steht als Nächstes auf Ihrem persönlichen Reiseplan?

Ich werde mit meiner Tochter, die im Schwarzwald lebt, wieder eine kleine Viertagestour machen. Wir sehen uns nicht so oft und fahren deshalb gemeinsam irgendwohin – eine Städtereise oder etwas Ähnliches.

Vor zwei Jahren bin ich mit meiner Gütersloher Tochter und zwei Enkelmädchen in die Toskana gefahren. Mein Mann und ich waren acht Jahre hintereinander dort. Da haben die Mädchen gesagt: »Eine bessere Reiseführerin können wir gar nicht bekommen.«

Also sind wir einfach losgefahren.

Sie haben einmal gesagt, Sie seien „das Gesicht der Stadtführer“. Wie würden Sie Brunhilde Kohls selbst beschreiben?

Ich sehe mich schon als das Gesicht der Stadtführer. Ein Pastor hat einmal zu mir gesagt: »Du bist die personifizierte Stadtführerin.«

Und irgendwie stimmt das. Ich fühle mich einfach in Gütersloh wohl.

Ich weiß auch, dass ich öffentlich bin und dass ich dadurch eine Verantwortung habe. Ich möchte charmant bleiben.

Und wie lange wollen Sie noch Stadtführerin bleiben?

Ein Kollege sagt immer: Wenn mich keiner mehr bucht, höre ich auf. Und wenn ich nicht mehr laufen kann, höre ich auch auf.

Das klingt nicht danach, als müssten wir uns kurzfristig Sorgen machen.

Nein, ganz und gar nicht.

Sie haben außerdem noch etwas Neues vorbereitet, haben Sie erzählt.

Ja. Man darf nicht stehen bleiben. Das wäre irgendwann langweilig. Während der 24-Stunden-Führung brauchten wir für eine bestimmte Uhrzeit eine neue Führung. Also habe ich gesagt: »Okay, mache ich.«

Und diese Führung ist nachts so gut angekommen, dass sie jetzt angedacht ist ins Programm aufgenommen zu werden.

Das passt eigentlich sehr gut zu Ihnen: immer wieder etwas Neues ausprobieren, aber gleichzeitig das Alte bewahren.

Ja. Genau das ist wichtig. Und mir ist auch wichtig, dass das Wissen weitergegeben wird.

Wir haben inzwischen viele neue Stadtführer. Ich habe sie während ihrer Ausbildung mitgenommen, ihnen beispielsweise die Martin-Luther-Kirche und die Apostelkirche besonders ausführlich gezeigt.

Denn es geht nicht darum, wann ein Haus gebaut wurde. Das kann man ablesen.

Es geht um die Geschichten in diesen Häusern. Wenn ich irgendwann aufhöre, geht sonst wieder viel Wissen verloren. Und das wäre schade.

Zum Schluss

Brunhilde, stellen wir uns vor, Sie gehen morgen über den Gütersloher Marktplatz und plötzlich steht Güths Mariechen vor Ihnen. Sie schaut sich um und fragt: »Na, Brunhilde – was habt ihr aus meiner Stadt gemacht?« Was würden Sie ihr antworten?

Der Fortschritt ist gekommen. Aber wir haben immer noch unseren Markt. Und ich finde es wahnsinnig toll, wie unser Markt heute ist.

Nur eines würde ich ihr verschweigen müssen: Dass die Leute inzwischen das Gemüse anfassen.

CafeTalk mit Brunhilde Kohls – einer Frau, die Geschichte nicht aus Büchern erzählt, sondern von Menschen, Häusern und den kleinen Geschichten, die eine Stadt lebendig machen.

Stadtführungen: