Es war kurz nach zehn, als Karl Drenkelforts Telefon klingelte.
Eine Frauenstimme. Leise. Unsicher.
»Herr Drenkelfort?«
»Ja.«
»Mein Mann ist vor drei Tagen gestorben.« Karl setzte sich auf. „Mein Beileid.“
»Danke. Aber ich glaube, er wusste, dass etwas passieren würde.«
»Warum wusste er das?« Die Frau schwieg.
»Kurz bevor er gestorben ist, hat er mir einen Satz gesagt. Ich verstehe ihn bis heute nicht.«
»Was genau hat er denn gesagt?«
»Wenn die Leute behaupten, das Geld sei weg, dann glaub ihnen kein Wort.«
Am nächsten Morgen stand Karl Drenkelfort gemeinsam mit Lea Sommerfeld in der Wohnung der Witwe in der Hohenzollernstraße in Gütersloh. Der Verstorbene hieß Wilhelm Berger, 69 Jahre alt. Ein unauffälliger Mann, ehemaliger kaufmännischer Angestellter. Im Arbeitszimmer lag ein schwarzer Ordner.
Auf dem Rücken stand: NEXORA Lea blätterte darin.
Verträge. Überweisungen. Werbebroschüren.
Eine digitale Bitcoin-Währung, die angeblich das nächste große Ding werden sollte. Berger hatte 80.000 Euro in die Bitcoins investiert.
»Und, hat er alles verloren?«, fragte Karl.
Die Witwe nickte.
»Er hat monatelang versucht, sein Geld zurückzubekommen.«
Lea blätterte immer noch im schwarzen Ordner und fand einen kleinen Zettel.
Darauf stand: DAS GELD IST NICHT VERSCHWUNDEN. ES HAT NUR DEN BESITZER GEWECHSELT.
Karl sah Lea an. »Das klingt nicht gerade nach jemandem, der aufgegeben hat.«
Schon am Nachmittag fanden sie weitere Anleger.
Eine Rentnerin aus Isselhorst – 50.000 €.
Ein Unternehmer aus Verl – 200.000 €.
Ein Ehepaar aus Rheda-Wiedenbrück 450.000€.
Alle hatten in Nexora-Bitcoin investiert.
Alle hatten ihr Geld verloren.
Und alle hatten dieselbe Geschichte:
Am Anfang waren die Gewinne auf dem Bildschirm gestiegen.
Große Euphorie entstand.
Dann wurden Auszahlungen von mal zu mal schwieriger.
Dann verschwanden die Ansprechpartner.
Und schließlich war Nexora nicht mehr erreichbar.
Lea legte Karl zwölf Akten auf den Tisch.
»Mindestens 1,4 Millionen Euro.«
Karl sah auf die Namen.
»Und was ist mit Berger?«
»Er hat auch 80.000 verloren.«
»Warum hat er dann diesen Ordner geführt?« fragte Karl.
Lea zuckte mit den Schultern.
»Vielleicht wollte er wissen, wohin sein Geld verschwunden ist.«
Karl nahm den Zettel.
»Dann haben wir einen Fall und suchen ab sofort genau das – das Geld.«
Die erste Überraschung kam aus Verl.
Thomas Reinke, ein Unternehmer, hatte ebenfalls 120.000 Euro verloren. Er erzählte ihnen, dass er von einem Mann namens Viktor angeworben worden war.
»Viktor sagte, hinter Nexora stehe jemand, der das komplette System kontrolliert.«
»Und wer ist das. Wer steckt dahinter?«, fragte Lea.
Reinke sah sie an.
»Er nannte ihn den Architekten.«
Karl lächelte. »Und wer ist dieser Architekt?«
»Keine Ahnung.« Sagte Reinke
»Haben Sie ihn denn mal gesehen?«
Reinke schwieg.
»Herr Reinke?«
»Nein.«
Karl sah ihn lange an.
»Sie haben eindeutig Angst.«
Reinke antwortete nicht.
Aber man sah wie es ihn den Hals zuschnürte.


Am Abend fand Lea schließlich eine Spur.
Allerdings nicht zu Nexora.
Zu einer kleinen Firma am Kolbeplatz in Gütersloh, die angeblich Beratungsleistungen für Nexora erbracht hatte.
Sie existierte seit Jahren.
Kein Internetauftritt.
Keine Mitarbeiter.
Aber auf ihrem Konto waren Millionen eingegangen.
Karl und Lea fuhren zu der Adresse.
Das Büro stand leer.
Im hinteren Raum fanden sie eine Wand.
Dutzende Fotos.
Alles Anleger aus Gütersloh.
Verl. Rheda aus Bielefeld.
Auch Wilhelm Berger war dabei.
Lea trat näher, denn an der Wand hing noch ein Foto.
Und zwar von Karl selbst.
Aufgenommen wenige Tage zuvor.
»Das gefällt mir überhaupt nicht«, sagte er.
Hinter ihnen fiel eine Tür ins Schloss.
Ein Mann stand im Flur. Grauer Mantel.
Ruhiger Blick.
»Sie hätten nicht herkommen sollen.«
Karl zeigte auf das Foto. »Warum bin ich hier zu sehen?«
Der Mann lächelte. »Weil Sie angefangen haben, die falschen Fragen zu stellen.«
»Dann helfen Sie mir die richtigen zu stellen.«
»Sie suchen nach dem Geld.«
»Ja.«
»Das ist Ihr Fehler.«
Der Mann ging.
Lea ist sofort hinterher.
Doch draußen war niemand.
Der Mann war wie vom Erdboden verschlungen.
In dieser Nacht schlief Karl nicht und verbrachte die Zeit mit Grübeln, bis Lea am nächsten Morgen anrief.
»Ich habe etwas – beeil Dich.«
Sie wartete, bis Karl vor ihrem Büro stand.
»Berger hat vor seinem Tod selbst Geld überwiesen.«
»Wie viel?«
»Nur einen Euro.« Karl runzelte die Stirn.
»Einen Euro?«
»Ja. An ein Konto, das wir bisher übersehen haben.«
»Warum macht jemand so etwas?«
Lea zeigte ihm den Kontoauszug.
»Weil er damit sehen wollte, wohin das Geld weitergeht.«
Jetzt verstand Karl. »Eine Markierung.«
Lea nickte. »Genau.«
Sie verfolgten diesen einen Euro.
Von einem Konto zum nächsten.
Von einer Firma zur nächsten.
Und schließlich landete er auf einem Konto in Gütersloh.
Der Kontoinhaber: Thomas Reinke.
Karl starrte auf den Namen. »Der Geschädigte.«
»Offenbar nicht nur.« Sagte Lea Sie suchten Reinke am selben Abend in seinem Haus auf.
Ein Koffer stand im Flur.
»Wollen Sie verschwinden?«, fragte Karl.
Reinke setzte sich. »Sie verstehen es nicht.«
»Dann erklären Sie es mir endtlich.«
Reinke sah Lea an. »Ich war einer von ihnen.«
»Einer von wem?«
»Von Nexora.« Absolute Stille.
»Ich habe Anleger angeworben.
Ich habe ihnen erzählt, wie sicher alles ist.
Ich habe sogar selbst daran geglaubt.«
»Und dann?«, fragte Lea.
»Dann wollte ich aussteigen.«
»Konnten Sie nicht?« Reinke schüttelte den Kopf.
»Man steigt aus diesem System nicht einfach aus.« Karl Drenkelfort legte den Kontoauszug auf den Tisch.
»Und Berger. Was ist mit Berger?« Reinke sah darauf. »Er hat es herausgefunden.«
»Was hat er herausgefunden?«
»Dass das Geld nie verschwunden ist.«
Reinke erzählte ihnen die Wahrheit.
Nexora war nur eine Oberfläche gewesen.
Das eigentliche System bestand aus einem Netz aus Firmen und Konten. Geld wurde von Anlegern eingesammelt, als Bitcoins weitergeleitet, aufgeteilt und wieder in neue Geschäfte mit Bitcoins gesteckt.
Immer neue Namen.
Immer neue Versprechen.
Immer neue Anleger.
Der Architekt war kein einzelner Mann.
Er war derjenige, der das System entworfen hatte.
Und Berger war ihm auf die Spur gekommen.
»Er wollte Beweise sammeln«, sagte Reinke.
»Und hat er sie?«, fragte Karl.
Reinke nickte. »Er hat sie sofort versteckt.«
»Und wo?« Reinke sah Karl an.
»Sorry, das wusste nur Berger.« Drenkelfort dachte an den schwarzen Ordner.
An den Zettel.
Dann fiel es ihm auf.
»Nein.« Lea sah ihn an. »Was soll das heißen, nein?«
Karl sprang auf.
»Der Satz.«
»Welcher Satz – sprich mal endlich Klartext?«
»Das Geld hat den Besitzer gewechselt.«
Er nahm den Ordner und blätterte.
Nichts.
Dann zog er den Umschlag mit Bergers Unterlagen heraus.
Auf der Rückseite stand eine Zahl. 2411Lea sah ihn an. „Ein Datum?“
»Nein.« Karl grinste.
»Ein Schließfach.«
Das Schließfach befand sich im Gütersloher Bahnhof.
Darin lag keine Festplatte. Kein Geld. Sondern Briefe, Akten und ein kleines Aufnahmegerät.
Karl drückte auf Play. Bergers Stimme. Leise und müde.
»Wenn Sie das hören, bin ich nicht mehr da.«
Lea sah Karl an.
»Ich habe lange geglaubt, dass ich mein Geld zurückbekomme«, sagte Berger auf der Aufnahme. »Dann habe ich verstanden, dass es nie um mein Geld ging.«
»Es ging darum, herauszufinden, wer dahintersteckt.«
Dann nannte er einen Namen.
Martin Keller. Lea kannte ihn. »Der Mann von der Firma in Gütersloh.« Karl nickte.
Die Stimme auf dem Gerät sprach weiter:
„Keller ist nicht der Architekt. Er ist nur der letzte, der die Befehle ausführt.“
Dann ein Satz, der Karl erstarren ließ: »Der Architekt ist jemand, dem alle vertrauen.«
Die Aufnahme endete.
Eine Stunde später standen Karl und Lea vor Bergers Wohnung.
Sie suchten noch einmal das Arbeitszimmer ab.
Lea nahm ein Foto vom Schreibtisch.
Darauf war Berger mit mehreren Menschen zu sehen.
Ein Familienfoto. Nichts Besonderes.
Bis Karl die Rückseite bemerkte. Dort stand: »Manchmal versteckt man etwas dort, wo niemand danach sucht.«
Lea sah ihn an.
»Familie?« Karl schüttelte den Kopf.
»Nein.« Er zeigte auf das Foto.
»Denk einfach nur an Vertrauen.«
Die Person, der Berger vertraut hatte, war seine
Steuerberaterin.
Sabine Keller.
Lea sah Karl an. »Keller?«
»Martin Keller ist ihr Bruder.«
Sie fuhren sofort zu ihrem Büro.
Es war natürlich leer.
Auf dem Schreibtisch lag nur ein Umschlag.
Für Karl.Darin: ein USB-Stick. Und ein Zettel.
»Sie haben gewonnen.«
Karl Drenkelfort sah Lea Sommerfeld an.
»Das gefällt mir nicht.«
»Mir auch nicht.«
Sie öffneten den Stick. Darauf befanden sich sämtliche Geldbewegungen.
Namen. Konten. Firmen. Millionenbeträge.
Und ganz am Ende: eine Überweisung. 12.400.000 Euro.
Empfänger: eine Gütersloher Stiftung.
Lea runzelte die Stirn. »Eine Stiftung?«
Karl las weiter. Dann wurde er still.
»Die gehört Berger.«
»Was, das gibt’s ja nicht?«
Karl zeigte auf die Unterlagen. »Er hat das Geld selbst zurückgeholt.«
»Unglaublich, aber wie?«
»Er hat das System ausgetrickst.«
Berger hatte über Jahre Geldströme verfolgt und schließlich einen Teil des Geldes auf eine Stiftung übertragen, die später die Geschädigten entschädigen sollte.
Das Geld war tatsächlich nicht verschwunden. Es hatte nur den Besitzer gewechselt.
Martin Keller wurde zwei Tage später festgenommen. Thomas Reinke sagte gegen ihn aus. Die Unterlagen von Berger wurden zum entscheidenden Beweismittel.
Und die Millionen auf dem Stiftungskonto konnten eingefroren werden.
Nicht alle Geschädigten würden ihr Geld zurückbekommen.
Aber viele würden zumindest einen Teil erhalten.
Der Fall Nexora war damit beendet.
Doch eine Frage blieb. Warum hatte Berger ausgerechnet Karl Drenkelfort als Empfänger seines letzten Hinweises ausgewählt?
Lea stellte die Frage, als sie mit Karl im Café RinNes am Dreiecksplatz saß.
»Warum du?« Karl zuckte mit den Schultern.
»Vielleicht hatte er einfach einen guten Geschmack.«
Lea lachte.
»Oder er wusste, dass du nicht aufhörst.«
Karl trank seinen Kaffee. »Das ist auch möglich.«
In diesem Moment klingelte sein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Karl sah Lea an. »Soll ich rangehen, oder genießen wir unseren Kaffee erst einmal?«
»Nach allem, was wir erlebt haben? Natürlich gehst Du dran.«
Karl nahm ab. »Drenkelfort.«
Eine Stimme sagte: »Herr Drenkelfort? Ich habe da ein Problem.«
Karl sah Lea dabei an.
»Was für ein Problem?«
»Es geht um Geld.« Karl lächelte.
»Wenn das Ihr Ernst ist, dann sind Sie bei uns richtig.«
Er legte auf. Lea schüttelte den Kopf.
»Du bist unmöglich.«
Karl stand auf. »Nun komm.«
»Wohin?«
»Arbeiten.«
»Das ist doch jetzt nicht Dein Ernst.«
Und während die beiden den Dreiecksplatz verließen, lag bereits in einem Bankschließfach in Isselhorst ein letzter Umschlag.
Darauf stand: NUR FÜR DEN FALL, DASS KARL DRENKELFORT NOCH EINMAL FRAGT.
Im Umschlag lag kein Geld.
Nur ein Foto.
Von einer Frau, die Karl noch nie gesehen hatte.
Und darunter vier Worte:
»Diese Frau kennt ihn«
»Sie kennt den Mann hinter dem Architekten.«
»Und sie kennt alle Betrugswellen, die noch kommen werden.«

YouTube:
https://www.youtube.com/@CarlCrimeStory

