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  • 01.09.2026
  • Ausgabe 126
  • RegioCarl

ZWISCHEN MALEN UND TÖPFERN

WO DIE SEHNSUCHT FARBE BEKOMMT
Regina Meier zu Verl Redakteurbild

Regina Meier zu Verl

Content-Redakteurin

TEXT: REGINA MEIER ZU VERL FOTOS: IMKE JANSSEN

Das Meer ist weit weg von Verl. Für Imke Janssen oft ein bisschen zu weit. Denn Wasser, Küste und diese besondere Weite des Himmels begleiten sie schon fast ihr ganzes Leben. Und wenn das Meer nicht vor der Haustür liegt? Dann findet man das Wasser eben woanders. Im Verler Freibad zum Beispiel. Und manchmal wird daraus sogar Kunst.

Mit einer GoPro tauchte Imke dort ab und fotografierte unter Wasser. Außerhalb der regulären Badezeiten durfte sie sich im Becken auf Motivsuche begeben. Es entstanden ungewöhnliche Aufnahmen aus einer Perspektive, die der normale Freibadbesucher eher selten erlebt. Eines dieser Fotos ließ Imke nicht mehr los. Aus der Fotografie wurde schließlich ein Ölbild.

Als die Stadt Verl zum Kunstwettbewerb unter der Fragestellung »Was bedeutet Verl für dich?« aufrief, reichte sie dieses Bild ein. Die Jury zeichnete es mit dem ersten Preis aus. Eine große Freude – und eine Bestätigung für eine Leidenschaft, die Imke Janssen begleitet.

Die Kunst war immer da

Geboren wurde Imke 1964 in Hamburg. Fünf Jahre später zog die Familie nach Mainz – und dort begann etwas, das sich wie ein roter Faden durch ihr Leben ziehen sollte: Schon als Vorschulkind besuchte sie eine Malschule an der Kunsthochschule Mainz.

Später lebte die Familie in Lilienthal, in der Nähe von Worpswede. Kunst gehörte weiterhin zu Imkes liebsten Schulfächern, im Abitur wählte sie den Kunstprüfungskurs. Sie fotografierte, entwickelte Bilder selbst und beschäftigte sich mit Kunstgeschichte.

Auch außerhalb der Schule war Kunst präsent. Imkes kunstinteressierte Mutter besuchte mit ihr Ausstellungen und Werkstätten im nahen Worpswede, in den Ferien standen immer wieder Museen auf dem Programm. Gleichzeitig gehörte das Meer zum Familienleben: Die Urlaube führten häufig an die Küste und auf Inseln. Kunst und Meer – beides war also lange da, bevor daraus irgendwann eigene Bilder entstanden.

Erst einmal etwas „Vernünftiges“

Als es um die Berufswahl ging, meldeten sich allerdings Zweifel. Kunst? Konnte daraus ein Beruf werden? Das Interesse war groß, die Freude am Gestalten sowieso – aber ob das reichen würde?Also entschied sich Imke zunächst für einen anderen Weg und wurde Krankengymnastin. 

Die Ausbildung absolvierte sie in Kiel. Natürlich am Meer. Fast möchte man meinen, das Wasser habe sich einfach geweigert, aus ihrer Geschichte zu verschwinden.

Als die eigenen Kinder später selbstständiger wurden, entstand wieder mehr Raum für die alte Leidenschaft. Imke begann erneut intensiver zu malen. Seit 2008 besucht sie die Malschule für Erwachsene bei Yvonne Sneller. Aus dem Wiederanfang ist längst Kontinuität geworden.

Wenn aus einem Foto ein Bild wird

Wer Imkes Arbeiten betrachtet, begegnet dem Wasser immer wieder. Mal dem Meer, mal einer Küste, mal einer Landschaft aus ungewöhnlicher Perspektive. Dabei beginnt ein Gemälde nicht zwangsläufig vor der Staffelei. Auch die Fotografie gehört zu ihren Ausdrucksmitteln.

Besonders spannend wird es, wenn beides ineinandergreift. Fotografien werden zur Grundlage für Gemälde, aus einem festgehaltenen Augenblick entsteht etwas Neues. Eine Drohnenaufnahme von Fraser Island in Australien wurde beispielsweise zum Ausgangspunkt für ein Bild. Winzige Figuren aus dem Modellbahnbau ergänzen das Gemälde: Menschen, ein Land Rover, ein Zelt. Die kleinen dreidimensionalen Elemente treten aus der Fläche heraus und werfen sogar eigene Schatten. Die Idee dazu kam von Imkes jüngerer Tochter – Imke griff sie auf und machte sie zu einem Teil ihrer Arbeit.

Kreativität findet sich ohnehin in der Familie. Beide Töchter zeichnen oder gestalten, und Imkes Mann hilft, wenn für ein Bild eine besondere technische Lösung oder ein Rahmen gebraucht wird.

Zwischen Wasser und Himmel

Auch bei »Art in AWO« spielte die Unterwasser-fotografie eine besondere Rolle. Zum Thema „Grenzenlos“ reichte Imke ein Ensemble aus fünf Bildern ein. Ihre Interpretation lag buchstäblich zwischen zwei Welten: an der Grenze zwischen über und unter Wasser. Auch diese Arbeit wurde von der Jury ausgezeichnet.

Doch Wettbewerbe scheinen für Imke gar nicht das Entscheidende zu sein. Viel wichtiger ist ihr die Begegnung mit Menschen, die vor ihren Bildern stehen bleiben, schauen und nachfragen. Verkauft hat sie ihre Arbeiten bislang kaum. Viele Bilder wurden verschenkt und haben gerade deshalb eine besondere Bedeutung. Und von manchem würde sie sich vermutlich nur schwer trennen können.

Das könnte sich nun ein wenig ändern. Farbe, Pinsel – und manchmal Ton Imkes Freude am Gestalten endet nicht an der Leinwand. Einmal im Jahr tauscht sie Pinsel und Farbe gegen Ton und fährt für eine Woche zum Töpfern in den Westerwald. Gelegentlich kommen Schmuckworkshops hinzu. Ob Leinwand oder Ton – es ist die Freude daran, mit den eigenen Händen etwas entstehen zu lassen.

Zeit, die Bilder zu zeigen

Nun bekommen viele dieser Arbeiten einen gemeinsamen Ort. Am Donnerstag, 1. Oktober, wird um 19 Uhr im Heimathaus eine Ausstellung mit Werken von Imke Janssen eröffnet. Vielleicht wird also eines der Bilder nach der Ausstellung nicht wieder mit nach Hause fahren. Ob ihr das leichtfallen wird? 

Viel wichtiger als ein Verkauf scheint Imke ohnehin etwas anderes zu sein: dass Menschen kommen, hinschauen und mit ihr ins Gespräch geraten. Dass vielleicht jemand vor einem Bild stehen bleibt, der sonst selten eine Ausstellung besucht. Dass Fragen entstehen. Interesse. Austausch.

Und womöglich entdeckt der eine oder andere zwischen Farben, Formen, Wasser und Himmel auch jene Sehnsucht, die Imke Janssen schon so lange begleitet. Das Meer liegt schließlich ziemlich weit weg von Verl. Auf ihren Bildern manchmal nur einen Pinselstrich.