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  • 06.10.2026
  • Ausgabe 127
  • RegioCarl

AUFZUGEBEN WAR NIE DER PLAN

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Fotos und Texte: Mitschke

Michaels Sohlen treffen in gleichmäßigem Rhythmus auf das Pflaster im Hinterhof von Mitschke. Wind fährt raschelnd in das Laub der bunt gefärbten Eichen, darüber hängt ein grauer Herbsthimmel. Von weitem rauscht der Verkehr auf der Landstraße, über die Michael hergefahren ist. Und bei jedem zweiten Schritt mischt sich ein subtiles Pfeifen in die Geräuschkulisse. Atem, Pfiff, Schritt, Rauschen. Lukas geht in die Hocke und schaut genau hin. Das Pfeifen loszuwerden ist sein nächster Arbeitsschrit.

Es ist Herbst 2025. Michael probiert seine Sportprothese zum ersten Mal aus. Orthopädietechniker Lukas winkt ihn wieder ins Gebäude, um Anpassungen am Ventil vorzunehmen, sodass der Schaft in Bewegung keine Luft mehr zieht. Michaels Atem geht schnell. Ein Lauf mit Sportprothese ist um ein Vielfaches anstrengender als gewöhnlich.

Heute, fast ein Jahr später, ist die Sportprothese wieder bei Lukas. Der Schaft saß zu eng und hat Druckstellen verursacht. Eine Prothese ist nie einfach fertig, sondern muss sich ständig an das echte Leben anpassen. Und Michael weiß ganz genau, wie das aussehen soll.

Unmittelbar nach dem Betriebsunfall, noch bevor sein Unterschenkel amputiert wurde, hat Michael Lukas
angerufen und seinen fachlichen Rat eingeholt. Er wollte nicht nur wissen, was medizinisch möglich ist, sondern welche Konsequenzen die Entscheidung langfristig haben würde. „Ich überlasse die Verantwortung für mein Leben niemand anderem“, erklärt Michael.

Damit Michael in Fragen der Amputationshöhe oder seinem verzögerten Reha-Beginn Entscheidungen mittragen konnte, hat seine Frau Johanna während der Zeit in der Klinik Kontakte hergestellt, wo er den Austausch suchte und ihn mit ihrem eigenen Fachwissen unterstützt. „Wie soll ich Fortschritte in einer Reha machen, wenn es noch gar keine Zeit gegeben hat, eine erste Prothese anzufertigen?“

In diesem Frühjahr sind die Zwillinge von Michael und Johanna geboren. Seitdem muss Michaels Alltagsprothese ganz neuen Ansprüchen genügen. Wenn er sie nicht tragen kann, verändert sich seine Beweglichkeit im Alltag massiv. Michael und Johanna haben fast rund um die Uhr jeder einen ihrer Söhne bei sich. „Stell dir einmal vor, dich mit nur einem Bein und einem Baby auf dem Arm fortzubewegen“, sagt er.

Das Tragegefühl seiner Prothese sei vergleichbar mit einem wirklich engen Schuh, den man froh ist, wieder ausziehen zu können. Seine Prothese kann Michael aber nicht einfach ablegen.

Und auch nicht die Tierhaltung seiner Eltern auf dem Familienbetrieb fortführen. Michael ist gelernter Landwirt, promovierter Naturwissenschaftler und es gibt Fragen, auf die er die Antwort noch nicht kennt. Die Zukunft des Hofs, auf dem er aufgewachsen ist, darf sich entwickeln. Gerade ist er vor allem eines: Michaels Homebase.

„Das ist Zeit, die ich nur für mich habe“, so beschreibt Michael die Bedeutung seiner Joggingrunde. Mit seiner Sportprothese kann er sich diese Zeit nehmen. Es gibt nicht die eine Prothese, die alles kann. Und wenn unterwegs plötzlich eine neue Druckstelle spürbar wird, rückt jeder Schritt den Schmerz in den Fokus – ob das in der Hochschule passiert oder im Urlaub beim Bummeln. Damit seine Prothese wieder zu seinem Körper passt, geht sie dann erneut in die Anpassung bei Lukas.

Was bisher keine seiner Prothesen ermöglicht, ist mit den Füßen im Meer zu stehen. „Weißt du, dieser Moment, wenn das Wasser so um die Knöchel schwappt. Das Gefühl will ich wieder haben.“