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  • 29.10.2026
  • Ausgabe 128
  • RegioCarl

CAFE TALK PART 14

Gütersloh Ohren aufgemacht
Matthias Kirchhoff Redakteurbild

Matthias Kirchhoff

Content-Redakteur

Fotos: Pierre Heitmeyer und Text: Matthias Kirchhoff

CAFÉTALK MIT GABRIELE »GABI« CONERT »EINFACH MACHEN« Sie ist Unternehmerin, Gastgeberin, Netzwerkerin und eine Frau, die sich noch nie besonders gut darin gemacht hat, sich in eine Schublade stecken zu lassen. Viele kennen Gabriele Conert als die McDonald’s-Gabi«. Doch hinter der bekannten Marke steckt eine Frau mit klaren Vorstellungen, einer ordentlichen Portion Selbstironie und einer Lebensgeschichte, in der Hosen, ein ziemlich eindeutiges Schulzeugnis und eine ganz besondere Freundschaft ihren Platz haben. Im CaféTalk mit Matthias Kirchhoff erzählt sie, warum sie schon als Kind lieber austeilte als einsteckte, weshalb sie morgens um sieben lieber im Büro sitzt als im Bett liegt und warum ihr Vater ihr einen Satz mitgegeben hat, der bis heute gilt.

Matthias: Gabi, wir kennen uns schon viele Jahre. Deshalb müssen wir uns hier nicht siezen. Wir machen das ganz entspannt. Wenn du morgens deinen Kaffee trinkst, bist du gedanklich dann schon bei der Arbeit oder genießt du erst einmal den Tag?

Gabi: Ich trinke zu Hause keinen Kaffee. Früher ging ich nie ohne Frühstück aus dem Haus. Heute fahre ich in mein Büro nach Rheda-Wiedenbrück und brauche dort erst einmal einen Nespresso mit ein bisschen Bums – meistens eine lila Kapsel. So gegen halb zehn frühstücke ich dann. Ich bin inzwischen vom Brot weg und esse Müsli. Und während ich das esse, mache ich alles, wozu ich tagsüber sonst nicht komme: Ich lese den Spiegel, schaue bei Facebook und Instagram rein. Man soll ja eigentlich in Ruhe essen und nicht nebenbei auf irgendwelche Bildschirme gucken. Aber nur mein Müsli anzustarren, ist mir auch zu langweilig. Matthias: Das ist doch schon einmal ein ziemlich ehrlicher Start in den Tag. Und was macht für dich einen richtig schönen Tag aus?

Gabi: Im Moment ist das einfach: ein bisschen Büro, bei meinen Mäckis« guten Tag sagen und dann nach Hause. Wenn ich Glück habe, hat abends ein netter Mensch Zeit, mit mir essen zu gehen oder mich zu bekochen.

Matthias: Weil du nicht kochen möchtest?

Gabi: Nein. Ich kann nicht wirklich kochen. Ich bin für andere Dinge zuständig. (lacht)

Matthias: Das ist eine klare Aufgabenverteilung. Du hast dein ganzes Berufsleben mit Menschen zu tun gehabt. Aber kennen die Menschen, die dich beruflich erleben, eigentlich auch die private Gabi?

Gabi: Ich glaube, die meisten kennen mich erst einmal als die McDonald’s-Gabi. Das ist ja auch nicht schlimm. Ich mache viel im sozialen Bereich, dieses Social Sponsoring, wie man heute sagt. Da bin ich für viele eine Ansprechpartnerin, und das mache ich auch gerne. Aber ich habe neulich mit Ralf Schubert darüber gesprochen: Was ist eigentlich, wenn ich irgendwann nicht mehr für diese Marke stehe? Wer kennt mich dann als Menschen? Und wer kennt nur die Pommes-Gabi, die McDonald’s-Tante, bei der man vielleicht etwas erreichen kann? Das meine ich überhaupt nicht böse. Ich helfe gerne, und ich stehe auch hinter vielen Dingen, die ich unterstütze. Aber irgendwann muss man sich schon überlegen, was man eigentlich macht, wenn man nicht mehr arbeitet. Ich möchte schließlich nicht mit 95 an der Pommesstation ins Gras beißen. Oder in die Kartoffeln. (lacht)

Man muss rechtzeitig herausfinden, was einem dann Spaß macht. Ich spiele kein Golf, ich reise gerne, aber ich bleibe auch gerne in Deutschland. Und ich muss mir darüber Gedanken machen, was mich als Mensch ausmacht, wenn der Beruf einmal nicht mehr im Mittelpunkt steht.

Matthias: Du klingst nicht unbedingt wie jemand, der sich einfach zurücklehnt und abwartet, was kommt. Bist du eigentlich spontan oder planst du dein Leben lieber durch?

Gabi: Ich bin Sternzeichen Jungfrau und plane extrem gerne. Das kann die Menschen um mich herum manchmal um den Verstand bringen. Wenn ich 14 Tage in den Urlaub fahre, möchte ich wissen, was es dort zu entdecken gibt. Luxusrestaurants brauche ich nicht – mich interessieren die kleinen, individuellen Dinge, die man nicht überall findet. Ich mag Restaurants, in denen es etwa Nudeln aus dem Käselaib gibt, oder besondere Orte mit Aussicht. Bei einem McDonald’s-Meeting in Dresden waren wir einmal in einer alten Fabrik, deren Architektur an eine Moschee erinnerte. Von dort oben schaute man weit über die Gegend. Solche Dinge finde ich spannend. Ich möchte an einem Ort etwas von diesem Ort erleben. Wenn ich im Osten bin, muss ich nicht so tun, als wäre ich auf Sylt. Mich interessiert, wie die Menschen dort leben und was die Gegend besonders macht.

Matthias: Und wie viel Platz bleibt bei deiner ganzen Planung für das Leben, das sich nicht planen lässt?

Gabi: Das lerne ich gerade. Ich brauche ein Wochengerüst und sitze am Wochenende gerne im Büro, weil dann niemand anruft und ich in Ruhe Dinge erledigen kann, für die ich ein bisschen Hirn brauche. Aber inzwischen lasse ich bewusst Freiraum – für einen Kaffee, einen Spaziergang an der Dalke oder eine Runde an Lutter. Man muss den Akku schließlich wieder aufladen. Ich habe früher sehr viel über Arbeit definiert. Heute weiß ich, dass Zeit für sich selbst kein Luxus ist. Und ich habe gelernt, genauer hinzuschauen, mit wem ich meine Zeit verbringe.

EIN ZEUGNIS, DAS ALLES SAGT

Matthias: Wenn man dich heute erlebt, würde man vermutlich nicht auf die Idee kommen, dass du dich als Kind besonders gerne in die zweite Reihe gestellt hast. Was hat dich zu der Frau gemacht, die du heute bist?

Gabi: Ein starkes Elternhaus, würde ich sagen. Und ich war ein wildes Kind. Ich habe mir von niemandem die Butter vom Brot nehmen lassen. Dazu gibt es eine schöne Geschichte. Bei uns wohnte ein Elternpaar aus Aschaffenburg, die beiden Söhne liefen in Lederhosen herum. Eines Nachmittags klingelte es bei uns. Meine Mutter machte die Tür auf, und Frau Zelsner stand davor und sagte:
»Frau Conert, Ihr Sohn hat schon wieder meinen Rainer verwamst!«
Meine Mutter rief daraufhin ins Haus: »Lutz?«
Darauf Frau Zelsner: »nee, der nicht, der kleine Dicke!«
Meine Mutter: »Ja, der kleine Dicke ist aber meine Tochter!«

Matthias: Das ist schon eine ziemlich gute Geschichte. Deine Mutter hatte also eine etwas andere Vorstellung davon, wie ein Mädchen auszusehen hatte?

Gabi: Sie hat wirklich alles versucht, mich mit Zöpfen zu versehen und in Röcke zu stecken. Aber mein Vater sagte irgendwann, das werde ihm mit den Kleidchen zu teuer. Also trug ich die Sachen meines Bruders. Ich bekam meine eigenen Schuhe, aber ansonsten sah ich aus wie ein Junge. Mein Vater war beruflich viel unterwegs, aber er hat mir immer gesagt: Lass dir nichts gefallen. Das war für ihn wichtig. Und dann gab es da noch mein Schulzeugnis. Darauf stand tatsächlich: »Gabriele ist aufsässig, widerborstig und renitent, sie stört den Unterricht durch permanente unpassende Bemerkungen.«

Matthias: Das klingt nicht unbedingt nach einer Empfehlung für die nächste Klassenfahrt.

Gabi: Nein, aber ich fand das damals schon irgendwie passend. (lacht) Das Zeugnis sollte mein Vater unterschreiben. Der war aber selten da, also bin ich damit zu meiner Mutter. Die sagte: Wenn da steht, dass der Vater unterschreiben soll, dann unterschreibt auch der Vater. Mein Vater bestärkte mich darin, mich nicht kleinmachen zu lassen. Meine Mutter hätte mich vermutlich lieber etwas braver und mädchenhafter gesehen. Wenn man damals schon den Mittelfinger hätte zeigen dürfen, hätte ich ihn wahrscheinlich gerne gezeigt. (lacht)

Matthias: Ich glaube, wir bekommen langsam eine Vorstellung davon, wie die Gabi schon als Kind unterwegs war.

Gabi: Bis zu meinem 21. Lebensjahr bin ich mit meinen Eltern ungefähr 20-mal umgezogen. Wenn man ständig neu irgendwo ankommt, muss man auf Menschen zugehen und wieder vor einer Klasse sagen: »Guten Tag, ich bin die Neue. Ich komm jetzt öfters!« Man lernt, sich auf neue Situationen einzustellen und sich nicht mit unnötigem Ballast zu belasten. Ich wohne seit 15 Jahren in einer Wohnung und denke manchmal: Halleluja, die Hälfte könnte eigentlich weg. Aber ich kann mich schlecht von Dingen trennen. Das muss ich noch lernen.

Matthias: Von deinem Vater hast du offenbar nicht nur die Standfestigkeit mitbekommen, sondern auch eine Menge unternehmerisches Handwerkszeug.

Gabi: Ja. Er hatte einen Satz, der mir bis heute wichtig ist: »Erst fördern, dann fordern.« Man kann nicht erwarten, dass jemand etwas leistet, wenn man ihm vorher nicht die Möglichkeit gegeben hat, etwas zu lernen. Er musste allerdings auch lernen, mich einfach machen zu lassen. Irgendwann muss man Menschen ihre eigenen Fehler machen lassen, sonst lernen sie es nicht. Ich habe im Gegenzug gelernt, dass ich einen erfahrenen Menschen um Rat fragen darf, ohne weniger selbstständig zu sein. Man wird nicht dümmer durch gute Gespräche.

VON DER PERSONALABTEILUNG AN DIE POMMESSTATION

Matthias: War dir schon als Kind klar, dass du einmal Unternehmerin wirst?

Gabi: Überhaupt nicht. Mein Vater war McDonald’s-Franchisenehmer, und eigentlich war vorgesehen, dass mein älterer Bruder das Restaurant übernimmt. Er war sozusagen der Prinz. Ich habe Abitur gemacht, BWL studiert und wollte anschließend in die Personalabteilung von McDonald’s. Personalwesen war mein Schwerpunkt, weil mich Menschen immer interessiert haben. Dann sagte mein Bruder, dass er keine Lust darauf habe. Mein Vater stellte mich vor die Wahl: Entweder wir verkaufen das Restaurant oder ich übernehme es. Das war nicht mein ursprünglicher Plan. Aber ich habe überlegt: Wo hat man mehr mit Menschen zu tun als in einem Restaurant? Man kann mit Mitarbeitenden arbeiten, lokale Marketingideen entwickeln und sich mit der Region beschäftigen. Irgendwann habe ich gesagt: Gut, dann mache ich das.

Matthias: Und aus der Entscheidung wurde eine ziemlich lange Geschichte.

Gabi: Ja. 1995 bin ich Franchisenehmerin geworden. Das Geschäft mache ich seit fast 40 Jahren: erst mit meinem Vater, später in unterschiedlichen Funktionen und schließlich selbstständig. 1996 bin ich nach Rheda-Wiedenbrück gekommen und habe dort ein Restaurant von Kollegen übernommen. Später kamen zwei Standorte in Gütersloh dazu. Rheda-Wiedenbrück war zuerst da. Gütersloh hatte für mich aber eine besondere Bedeutung, weil ich dort vieles von Anfang an mitgestalten konnte. Das war das erste Restaurant, das sich wirklich nach meinem eigenen Projekt anfühlte.

Matthias: Du hast einmal gesagt, dass du als Unternehmerin nicht einfach machen kannst, was du willst. Wie viel eigene Handschrift ist in einem großen Franchisesystem überhaupt möglich?

Gabi: Natürlich gibt es klare Vorgaben im Franchisesystem. Innerhalb dieses Rahmens kann ich meine Restaurants selbst führen. Als ich anfing, waren wir gerade einmal fünf Franchisenehmerinnen und wurden ständig daran gemessen, was Männer angeblich besser konnten. Heute übernehmen immer mehr Frauen solche Betriebe. Es gab einmal eine Podiumsdiskussion mit dem Titel »Führen Frauen anders?«. Da war unter anderem Maria Unger dabei. Meine Antwort darauf ist ziemlich einfach: Frauen führen anders. Und nicht umgekehrt! Punkt. Frauen haben häufig einen anderen Blick auf Menschen und Zusammenarbeit. Das heißt nicht, dass jede Frau automatisch besser führt. Aber Empathie, Zuhören und der Umgang miteinander sind für mich wichtige Führungsqualitäten.

Matthias: Was hat sich in deinem Geschäft am stärksten verändert?

Gabi: Die Abläufe, die Technik und die ganze Logistik. Früher wurden die Kartoffeln angeliefert, im Restaurant geschält und die Pommes selbst geschnitten. Heute wäre das bei den Mengen überhaupt nicht mehr zu schaffen. Vieles ist effizienter, aber auch komplizierter geworden. Fällt mittags ein digitales System aus, merkt man sofort, wie abhängig die Abläufe davon sind. Manchmal sage ich: Wir sind inzwischen eine IT-Bude mit angeschlossener Pommesbude. (lacht)

Matthias: Und was ist trotz aller Technik gleich geblieben?

Gabi: Die Menschen. Ohne die Mitarbeitenden funktioniert gar nichts. Du kannst die beste Technik und die schönsten Geräte haben – wenn dein Team nicht funktioniert, funktioniert dein Betrieb auch nicht. Ich habe Mitarbeitende, die schon 15, 20 oder sogar 30 Jahre dabei sind. Das ist etwas, worauf ich wirklich stolz bin. Natürlich muss ein Unternehmen wirtschaftlich arbeiten. Aber für mich sind die Menschen, die mit mir arbeiten, mindestens genauso wichtig. Matthias: Du hast auch eine besondere Lösung für die Urlaubszeit gefunden, oder? Gabi: Seit Jahren kommen Studierende aus dem Kosovo in den Sommerferien zu uns. Sie lernen Deutsch, möchten später Lehrer werden und unterstützen unsere Teams. So können langjährige Mitarbeitende auch einmal mehrere Wochen am Stück Urlaub machen und nach Hause fahren. Das kostet Geld und bedeutet zusätzlichen Aufwand. Aber wenn Menschen seit Jahrzehnten bei dir arbeiten, sollte man überlegen, wie man ihnen etwas zurückgeben kann.

Matthias: Du bist also nicht nur für die Zahlen zuständig, sondern auch für das, was zwischen den Menschen passiert.

Gabi: Das ist für mich ein wesentlicher Teil der Aufgabe: Menschen fördern, ihnen etwas zutrauen und sie machen lassen – so wie man es früher auch bei mir getan hat.

WAS BLEIBT, WENN DIE ARBEIT WENIGER WIRD?

Matthias: Du hast vorhin gesagt, dass du dir Gedanken darüber machst, was nach dem Berufsleben kommt. Gibt es etwas, das du dir dann vorstellen könntest?

Gabi: Ich könnte mir tatsächlich ein Buch- oder Lesecafé vorstellen. Ein Ort, an dem Zeitungen liegen, man einen Kaffee trinken kann, Menschen miteinander ins Gespräch kommen und vielleicht auch einmal eine Lesung stattfindet. Ein Ort, an dem man sich trifft und nicht nur etwas konsumiert. Ein Gesellschafts-Café. Ich mag Orte, an denen Menschen zusammenkommen. Ich habe immer mit Menschen gearbeitet und möchte das nicht einfach abschalten.

Matthias: Du engagierst dich ja schon heute weit über deine Restaurants hinaus. Woher kommt dieser Wunsch, etwas zurückzugeben?

Gabi: Bei McDonald’s gibt es den Gedanken, der Gemeinschaft etwas zurückzugeben, in der man lebt und arbeitet. Das finde ich richtig. Ich unterstütze lokale Projekte und Organisationen, darunter Bürgerstiftungen, die Klimaoase, Kindergärten, Schulen und Initiativen, die jungen Menschen den Einstieg ins Berufsleben erleichtern. Manchmal geht es um ganz praktische Dinge. Ich habe Jugendlichen erklärt, wie man sich bei einem Vorstellungsgespräch verhält, was man anzieht oder warum saubere Schuhe wichtig sind. Ich hatte das Glück, in einer Familie aufzuwachsen, in der es Essen gab und wir in die Stadtbibliothek gehen konnten. Das ist nicht für alle Kinder selbstverständlich. Manchmal muss man nur eine Tür öffnen und zeigen, wie der nächste Schritt gelingt. Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe. Eine Erfahrung hat mich besonders nachdenklich gemacht: Ich war bei einem Weihnachtsessen für obdachlose Menschen dabei. Da wird einem bewusst, dass Not nicht irgendwo weit weg stattfindet. Sie ist direkt vor unserer Haustür. Organisationen wie U.B.A.K.A. kümmern sich um Kinder und Familien in schwierigen Situationen. Unterstützung kann ganz konkret sein, etwa bei Schulranzen oder Dingen, die für andere selbstverständlich sind. Man muss keine großen Reden halten, sondern schauen, wo man helfen kann.

GÜTERSLOH: HEIMAT MIT ECKEN UND KANTEN

Matthias: Was liegt dir für die Zukunft von Gütersloh besonders am Herzen?

Gabi: Ich wünsche mir, dass die Stadt lebendig bleibt und dass sich gerade die Bereiche rund um Bahnhof und ZOB positiv entwickeln. Ich fände es schön, wenn Gütersloh grüner würde und öffentliche Plätze mehr Aufenthaltsqualität bekämen. Lebensqualität hängt vor allem von den Menschen ab, aber auch von Bäumen, frischer Luft und schönen Plätzen. Deshalb finde ich Baumpatenschaften wie am Dreiecksplatz sinnvoll. Manche Entwicklungen in der Innenstadt sehe ich kritisch. Wenn öffentliche Brunnen zum Waschen oder Baden genutzt werden, entspricht das nicht meinem Wunschbild einer Stadt. Zugleich weiß ich, dass Menschen Gründe haben, warum sie sich dort aufhalten.

Matthias: Und was sollte mit dem ehemaligen Karstadt-Gelände passieren?

Gabi: Ältere Menschen sollten in der Innenstadt leben können. Manche verkaufen ihr Haus außerhalb, um kurze Wege zu haben, einkaufen zu gehen, den Markt oder ein Restaurant zu besuchen und am Leben teilzunehmen, ohne ständig ein Auto zu brauchen. Ich könnte mir Geschäfte im Erdgeschoss und Wohnungen darüber vorstellen. Die Innenstadt sollte ein Ort sein, an dem Menschen leben und sich begegnen.

Matthias: Du klingst nicht so, als würdest du Gütersloh so schnell verlassen wollen.

Gabi: Nein. Ich liebe Hamburg und mag Berlin. Aber wenn der Zug am Bahnhof ankündigt: »Nächster Halt: Gütersloh«, denke ich: Gott sei Dank, zu Hause. Das ist für mich der Nabel meiner Welt. Hier sind die Menschen, mit denen ich gerne zusammen bin. Aus beruflichen Kontakten und meinem Engagement sind Freundschaften geworden. Ich fahre gerne nach Hamburg oder Berlin, komme aber genauso gerne zurück. Und ich möchte hier alt werden.

Matthias: Das ist ein schönes Bekenntnis zu unserer Stadt.

Gabi: Es ist einfach so. Ich muss nicht alles an Gütersloh toll finden, um hier gerne zu leben. Man darf auch kritisch sein und sich wünschen, dass Dinge besser werden. Aber meine Heimat ist hier.

EIN LEBENSMENSCH UND EINE LANGE LEINE

Matthias: Und wie habt ihr beide euch eigentlich kennengelernt?

Gabi: Das ist eine schöne Geschichte. Ich bin 1996 nach Rheda-Wiedenbrück gekommen. Damals wollte ich für mein Restaurant lokale Werbung machen. Ich habe bei Radio Gütersloh angerufen und gefragt, ob jemand vorbeikommen könne. Dann kam Thorsten. Ich dachte, er macht das Marketing. Ich wusste ja nicht, dass er auch selbst im Radio moderiert. Irgendwann saß ich nachmittags in meinem Büro und hörte Radio. Da war Thorsten Wagner in der Sendung »Drivetime«. Ich habe abends angerufen und gefragt: »Was machen Sie denn da noch alles?« Er hat sich kaputtgelacht. So habe ich Thorsten kennengelernt. Er hatte gute Marketingideen und half mir, in Gütersloh Fuß zu fassen. Mein Vater war in Neuss ein sehr erfolgreicher Unternehmer. Wäre ich dort geblieben, wäre ich vielleicht immer die kleine Conert geblieben. Hier kannte mich niemand und ich musste mich selbst behaupten. Thorsten unterstützte mich, ermutigte mich, Menschen kennenzulernen und mich zu vernetzen.

Matthias: Und irgendwann wurde aus dem Radiomann und der McDonald’s-Unternehmerin mehr.

Gabi: Ja. Thorsten hat mich über viele Jahre begleitet, mir Ideen gegeben und war auch in schwierigen Zeiten an meiner Seite. Er ist mein Lebensmensch. Wir haben am 25. September 2020 geheiratet, mitten in Corona, mit 20 Gästen. Ralf Schubert war unser Trauzeuge. Thorsten, Ralf, Marion und ich verstehen uns sehr gut.

Matthias: Das klingt nach einer bewussten Entscheidung und nicht nach einer spontanen Laune.

Gabi: Das war es auch.

DER BALKON AN DER DALKE UND DIE SACHE MIT DEM MOTORRAD

Matthias: Du hast in deinem Leben viel gearbeitet, viel organisiert und viel Verantwortung getragen. Wann hast du zuletzt etwas nur für dich gemacht?

Gabi: Unser Urlaub im Osten war etwas für mich. Einfach wegfahren, den Kopf freibekommen und nicht ständig an alles denken, was noch erledigt werden muss. Thorsten war natürlich mit dabei und er hat auch nicht gestört. (lacht). Ganz im Gegenteil. Wir haben das zusammen toll geplant. Er ist gefahren und ich habe die Karte verkehrt rum gehalten. Denn wie Thorsten immer sagt: Wir wollen ja auch ankommen. (lacht)

Matthias: Was bringt dich zuverlässig zum Lachen?

Gabi: Situationskomik. Wenn sich aus einer Situation etwas ergibt, womit keiner gerechnet hat. Ich kann mich aber auch beim Zappen über Pastewka oder Anke Engelke kaputtlachen.

Matthias: Und wo kommst du sofort zur Ruhe?

Gabi: Auf meinem Balkon. Der geht zur Dalke. Ich habe große Bäume um mich herum und mir schaut keiner hinein. Ich mag das Plätschern von Wasser. Da kann ich sitzen und einfach meine Ruhe haben.

Matthias: Was würdest du deinem jüngeren Ich gerne sagen?

Gabi: Nicht so viel zögern! Ich habe früher manchmal zu lange überlegt. Und dann war eine Gelegenheit vorbei. Manche Gelegenheiten kommen einfach nicht wieder. Ich hätte auch gerne früher meinen Motorradführerschein gemacht. Ich bin ein großer Motorradfan, besonders von BMW und schweren Maschinen. Früher war ich ein richtiger Heizer. Heute möchte ich nicht mehr Motorrad fahren. Dafür habe ich jetzt ein Auto, bei dem ich das Verdeck aufklappen kann. Das reicht mir. (lacht)

Matthias: Das klingt, als hättest du schon immer gern selbst entschieden, wohin die Reise geht.

Gabi: Ja, das kann man so sagen.

Matthias: Welches Gefühl würdest du am Ende eines Tages gerne immer haben?

Gabi: Da darf ich meinen Vater zitieren. Er hat immer gesagt: »Kind, benimm dich tagsüber so, dass du abends deinem Spiegelbild freundlich gute Nacht sagen kannst.« Das finde ich bis heute wichtig. Ich bin manchmal ein kleiner Poltergeist, und mir rutscht etwas heraus, bei dem ich hinterher denke: Das hättest du anders sagen können. Mein Vater war selbst laut und impulsiv. Wenn er jemanden im Ton verletzt hatte, sagte er am nächsten Tag: »Ich entschuldige mich für meinen Ton, aber nicht für die Sache.« Das habe ich mir gemerkt. Man darf eine klare Meinung haben, sollte sich aber entschuldigen können, wenn man jemanden verletzt hat. Das passiert auch bei Thorsten. Er ist empfindlicher als ich, und ich poltere manchmal los. Dann muss ich die Größe haben zu sagen: Entschuldigung, das war blöd von mir.

Matthias: Das ist vielleicht auch eine Form von Stärke: sich selbst nicht immer nur recht zu geben.

Gabi: Genau. Man muss über sich selbst lachen und Verantwortung für das übernehmen, was man sagt und tut.

»EINFACH MACHEN.«

Matthias: Wenn du dein bisheriges Leben in eine Titelzeile packen müsstest, wie würde sie lauten?

Gabi: »Einfach machen.«

Matthias: Das passt zu dem Mädchen in Lederhosen, das sich schon damals nicht die Butter vom Brot nehmen ließ.

Gabi: (lacht) Ja, vielleicht. Ich glaube, man muss wissen, was einem wichtig ist. Man muss sich selbst treu bleiben, darf sich aber auch weiterentwickeln. Und man sollte nicht warten, bis andere einem sagen, was man machen soll. Einfach machen« heißt für mich: Verantwortung übernehmen, Chancen nutzen, Menschen nicht vergessen und sich selbst nicht zu wichtig nehmen.

Matthias:Was ist dir im Rückblick besonders wichtig geworden?

Gabi: Man sollte nichts auf später verschieben. Die Zeit ist nicht unendlich. Ich möchte, dass Menschen sagen: Die Gabi hat sich gekümmert, war manchmal laut und unbequem, hat aber etwas bewegt und war da, wenn man sie gebraucht hat. Und ich möchte meinem Spiegelbild abends freundlich gute Nacht sagen können.

Matthias: Dann ist das vielleicht die schönste Verbindung zwischen dem Satz deines Vaters und deinem eigenen Lebensmotto: Einfach machen – aber mit Haltung.

Gabi: Ja. Und mit Herz. Das gehört dazu.