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Pädagogikstudierende der HSBI als Innenarchitekten, denn:

Räume sind der „dritte Erzieher“.

Pädagogikstudierende der HSBI als Innenarchitekten, denn: Räume sind der „dritte Erzieher“.

Die Ausgestaltung von Räumen hat großen Einfluss darauf, wie sich Kinder in Kitas und Krippen entwickeln können. Um sich das klarzumachen und an künftigen Arbeitsstellen entsprechend Einfluss zu nehmen, gestalten Studierende der „Pädagogik der Kindheit“ an der HSBI Kita-Räume im Kleinformat. Eine Reportage aus einer Kreativsession.

Bielefeld (hsbi). In jeder Ecke des Raumes ordentlich in durchsichtige Boxen sortiertes Material: Pappen, Scheren, Federn, Filzkugeln. „Spinnen Sie ruhig ein bisschen“, sagt Prof. Dr. Helen Knauf zu den etwa 50 Studierenden ihres Seminars „Grundlagen der Pädagogik der frühen Kindheit“. Gemeint ist: Die Miniaturräume für Kinder, die die Studierenden gleich gestalten sollen, können ruhig verrückt und vielleicht auch ein wenig unrealistisch ausfallen. Es handelt sich um pädagogische Räume für Kinder im Alter von null bis sechs Jahren, die es so oder so ähnlich in einer Kindertageseinrichtung oder auch zu Hause geben könnte. Halt nur im Miniaturformat – so klein, dass sie in einen Schuhkarton passen. Und, wenn möglich, mit einer kleinen Portion Utopie versehen.

BUZ4: Entstanden sind pädagogische Räume im Miniaturformat. Dafür haben die Studierenden Schuhkartons und verschiedenes Bastelmaterial benutzt. (Foto: P. Pollmeier/HSBI).

Neben Eltern und pädagogischem Personal sind Räume „der dritte Erzieher“

Doch wozu die praktische Einheit in einem ansonsten vielfach theoretischen Seminar des Studiengangs „Pädagogik der Kindheit“, in dem am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Bielefeld (HSBI) zurzeit über 300 Studierende eingeschrieben sind? „Die ersten Lebensjahre sind ein wichtiges Fundament für den weiteren Lebensverlauf“, erklärt Milena Förster, wissenschaftliche Mitarbeiterin im HSBI-Projekt DICES_Lab/Bildungswerkstatt. „Kindertageseinrichtungen sollten so eingerichtet sein, dass Kinder sich als kompetente Lernende erleben und wichtige Impulse für ihre Bildung erwerben. Nicht alle Familien könnten ein anregendes Umfeld schaffen. An dieser Stelle sollten Kindertageseinrichtungen ausgleichend wirken und dazu beitragen, allen Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.“ Förster betreut die heutige Lehrveranstaltung gemeinsam mit Professorin Knauf. Sie bringt das Anliegen auf den Punkt: „Pädagogische Räume dienen quasi als dritter Erzieher neben dem Kita-Persona und den anderen Kindern. Schlau und vielseitig ausgestattet, können Räume den Bildungsprozess von Kindern positiv beeinflussen.“

„Welche Grundbedürfnisse haben Kinder?“ steht in Großbuchstaben auf einem Plakat an der Wand des Seminarraums. Auf einem weiteren Plakat haben die Studierenden aufgeschrieben, welche Bedürfnisse Kinder im Tagesverlauf entwickeln können: Bewegung, Ruhe, Zuneigung, Sicherheit. Nach einer kurzen Einführung geht es auch schon los: Die Studierenden bilden Gruppen von zwei bis vier Leuten und tummeln sich im Seminarraum, um ihre Materialien zusammenzusuchen. „Bring mal noch ein paar bunte Federn mit, es soll gemütlich sein!“ tönt es aus einer Ecke. „Oh, wir brauchen unbedingt noch ein paar Filzkugeln für kuschelige Sitzgelegenheiten“, ruft wer aus einer anderen.

HSBI-Studierende haben am Fachbereich Sozialwesen pädagogische Räume im Seminar „Pädagogik der Kindheit“ entworfen. (Foto: P. Pollmeier/HSBI).

Ruheoasen sind wichtig – nicht jedes Kind mag’s actionreich

Ibrahim setzt direkt die Schere an und schneidet fast den ganzen Boden aus dem Schuhkarton heraus. „Das ist ein großes Fenster. Kinder brauchen Tageslicht“, sagt sein Gruppenmitglied Hassana. Es entsteht eine Lese-Oase. Im Zentrum steht ein – im Verhältnis zum eher kleinen Schuhkarton – ein übergroßes Tipi zum Verweilen. Darunter liegt ein Teppich aus Stoffresten, der durch seine Farben ein wenig an Weihnachten erinnert und zum Herumlümmeln einlädt. Die imaginären Miniaturkinder finden im Raum von Hassanas Gruppe noch weitere Sitz- und Entspannungsmöglichkeiten.

Während die junge Frau eifrig einen Kleber zückt und versucht, das Tipi in Position zu bringen, schnappt sich ihre Mitstreiterin Sarah ein paar Kugeln aus Filz und klebt eine Sitzecke im Halbkreis. Sieht schon ganz gemütlich aus. „Nicht jedes Kind möchte Action haben. Viele Kinder lieben die Ruhe und auch die Nähe zur Natur“, erklärt Hassana. Und die Natur soll auch hier noch „einziehen“: Einer aus der Gruppe schneidet ein weißes Papier zurecht, ein anderer malt ein paar grüne Apfelbäume drauf und klebt es als Blick nach draußen in das Fenster. Weiße Vorhänge mit roten Punkten schaffen eine wohnliche Atmosphäre. Und vor dem Fenster natürlich noch mehr Sitzmöglichkeiten. Genau richtig für junge Menschen, die dem hektischen Treiben in einer Kita manchmal gern für ein paar Momente entfliehen wollen.

BUZ2: Prof. Helen Knauf leitet das Seminar im Studiengang „Pädagogik der Kindheit“. (Foto: P. Pollmeier/HSBI).

Tipi, Kuschelteppich und Bewegungsraum als Ausgleich zum Alltagsstress

„Nehmen wir bei den Federn verschiedene Farben oder immer die gleiche?“, fragt Merit die drei anderen Frauen ihrer Gruppe. „Ich wäre für die gleiche Farbe, bunt ist einfach zu aufregend“, schiebt sie hinterher. Die vier Studentinnen sind sich sofort einig: Einfarbig soll es sein, denn Räume sollten farbig, aber nicht zu bunt gehalten werden. Schritt für Schritt schneiden, bauen und kleben die vier jungen Frauen einen Rückzugsort, wie er im Idealfall in einer Kindertageseinrichtung zu finden wäre. Das Besondere an ihrem Raum: Er hat zwei Etagen. Eine aus der Gruppe schnappt sich einen Strohhalm und bringt Büroklammern als Stufen an – fertig ist die Leiter. Unten befindet sich am Ende der Bastelsession auch hier ein Tipi, dazugestellt ein Bett, eine erstaunlich realistisch anmutende Hängeschaukel und eine Höhle mit einer Art Sonnensegel obendrüber. Steigt man die Leiter nach oben, finden sich in Etage 2 Sitzmöglichkeiten und ein Kuschel-Teppich. Hier lässt es sich aushalten.

In der hinteren Ecke des Seminarraums sitzt Katharina mit ihrer Gruppe. Während die anderen beiden Gruppen eher das Thema „Entspannung“ in den Vordergrund gestellt haben, setzt Katharina auf Bewegung. Gemeinsam mit ihren männlichen Gruppenmitgliedern klebt sie Korken auf, die einen Hindernisparcours bilden sollen. „Bewegung ist sehr wichtig für Kinder. Im Alltagsstress zu Hause parken Eltern ihren Nachwuchs Kinder schon mal vor dem Fernseher. Pädagogische Fachkräfte müssen da Alternativen bieten“, sagt die junge Studentin. Mit Bierdeckeln baut die Gruppe eine kleine Hütte, die auch in einem Wald stehen könnte. Auch Katharinas Gruppe arbeitet mit zwei Etagen, oben ist der Platz für die kleine Behausung. „Die Hütte soll den Kindern einen Rückzugsort bieten und gleichzeitig ein Gefühl von ‚draußen‘ vermitteln“, erläutert Gruppenmitglied Bernhard.

BUZ3: Die Studierenden haben in Gruppen Räume für Kinder gebaut, die zu den Bedürfnissen von Vorschulkindern passen. (Foto: P. Pollmeier/HSBI).

Das Kind als „kompetentes Subjekt, das seine Lebenswelt aktiv erforscht und mitgestaltet“

Das Bachelorstudium „Pädagogik der Kindheit“ an der HSBI qualifiziert dazu, „Bildungsprozesse pädagogisch zu begleiten und die Bezugspersonen von Kindern zu beraten, weiterzubilden und zu vernetzen.“ So steht es in der Beschreibung des Studiengangs auf der Website. Das Kind wird verstanden „als ein kompetentes Subjekt, das seine kulturelle und natürliche Lebenswelt aktiv erforscht und mitgestaltet“ – und dabei unterstützt werden soll. Clever eingerichtete Krippen und Kitas mit Personal, das evidenzbasiert ausgebildet wurde, können hier Impulse geben, um die frühkindliche Bildung anzuregen und Defiziten entgegenzuwirken. Denn davon gibt es viele in diesen Zeiten: gestresste Eltern, die Arbeit und Familie unter einen Hut bringen müssen, Bewegungsarmut und schlechte Ernährung, niedriges Bildungsniveau und sozial ungerechte Lebensverhältnisse so mancher Familien, was sich ohne wirksame Gegenmaßnahmen schlicht „vererbt“ an die nächste Generation, oder mangelnde Sprachfähigkeiten und kulturelle Barrieren, die die Integration erschweren. Hinzu kommen seit einigen Jahren der psychische Druck und eine latente Verunsicherung durch ein omnipräsentes Krisengefühl, gespeist von Corona, Kriegen, wirtschaftlichem Abschwung und Klimakrise.

Die Studierenden sollen all dem nach ihrem Abschluss durch eine gute Verzahnung von Theorie und Praxis im Studium etwas entgegensetzen. Helen Knauf: „Sie sollen lernen, wie sie die Fähigkeiten von Kindern stärken können, damit sie den Herausforderungen des Lebens gewachsen sind. Vielleicht sind es ja die Kinder, die die aktuellen Krisen einmal lösen werden?“ Und wie hier die vielfältige Gestaltung von Räumen für Kinder mithelfen kann, wird am Ende des Seminars bei der Präsentation der Ergebnisse deutlich: Weitere, variantenreich ausgestaltete Schlaf-, Entspannungs- und Bewegungsräume kommen zum Vorschein und sogar ein komplettes Basketballfeld – Bewegung ist für Kinder ja so wichtig (und für Erwachsene ebenso).

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