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Promotion abgeschlossen: In der Bildungsberatung bei Jugendlichen mit geringer Bildungsqualifikation ist noch „Luft nach oben“

Jugendliche mit Hauptschulabschluss oder ohne Schulabschluss bekommen oft kein passendes Angebot, das hilft, sich persönlich weiterzuentwickeln und beruflich zu orientieren. Geraten wird meist zu einer Ausbildung, wenngleich ein Freiwilliges Soziales Jahr, ein Auslandsaufenthalt oder das Erlernen einer Fremdsprache gute Möglichkeiten wären, um zu reifen und die eigenen Chancen zu erkennen. Maren Koletzko hat an der HSBI im Rahmen ihrer Promotion untersucht, welche Unterstützung Jugendliche mit geringer Bildungsqualifikation sich von einer professionellen Bildungsberatung wünschen. Coaching und Mentoring im Rahmen der offenen Kinder- und Jugendarbeit oder der Schulsozialarbeit könnten ein Lösungsansatz sein.

Bielefeld (hsbi). Wie informieren sich Jugendliche im Alter von 16 bis 24 Jahren mit einer geringen Bildungsqualifikation – das bedeutet höchstens Hauptschulabschluss – bei der Planung und Gestaltung ihrer Bildungs- und Berufsbiografie? Welche Beratungsangebote gibt es und wie erreicht man die jungen Leute? Mit diesen Fragen hat sich Maren Koletzko in ihrer kürzlich erfolgreich abgeschlossenen Dissertation an der Hochschule Bielefeld (HSBI) beschäftigt. „Gesamtgesellschaftlich gesehen gibt es immer mehr Möglichkeiten zur selbstbestimmten Gestaltung des eigenen Bildungs- und Berufsweges. Die diesbezüglichen Angebote sind vielfältig. Daran partizipieren jedoch nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen“, erläutert Koletzko den Hintergrund ihrer Forschungsarbeit.

Maren Koletzko hat für ihre Promotion zu Beratungsangeboten für Jugendliche geforscht. Sie lehrt und forscht in den Lehrgebieten Beratung, rekonstruktive Soziale Arbeit und Qualitative Forschungsmethoden. (Foto: S. Jonek/HSBI)

Fehlendes „Ausprobieren“ kann zu Abbruch der Ausbildung führen
Meist werde Jugendlichen mit geringer Bildungsqualifikation geraten, nach der Schule zügig ins Berufsleben zu starten. Vereinfacht gesagt: Während bei Jugendlichen mit Realschulabschluss, Abitur oder vergleichbarer Qualifikation Auslandaufenthalte oder Dienste wie das Freiwillige Soziale Jahr verbreitet sind, werden Schulabbrecher:innen oder Hauptschulabsolventinnen und -absolventen solche Bildungserfahrungen eher verwehrt – weil man es ihnen nicht zutraut, es „nicht üblich ist“ oder sie es auch selbst nicht einfordern. Dabei würden sie sich beruflich gerne ausprobieren oder in informellen Settings eine Sprache lernen. Wenn sie stattdessen schlecht vorbereitet in einen Job oder eine Ausbildung starten, kann es sein, dass Motivation und Interesse fehlen – was zum Abbruch führen kann.

Jugendliche sind „kümmerbedürftig“ und brauchen „Türöffner“
„Insgesamt kann man sagen, dass die Jugendlichen kümmerbedürftig sind“, sagt Maren Koletzko. „Sie brauchen eine Art Türöffner, um Vorstellungen von bildungs- und berufsbezogenen Wegen und Möglichkeiten zu entwickeln und Zugang zu Bildungsangeboten zu bekommen.“ Bildungsberatung sei hierfür als Bildungsbegleitung und pädagogischer Prozess zu gestalten. Anerkennung und Selbstbestimmung seien dabei wichtige Faktoren, die in der Begleitung eine Rolle spielten. „Anerkennung meint eine Beachtung als wertvolle, leistungsfähige Mitglieder der Gesellschaft sowie in den eigenen Lebensvorstellungen. Selbstbestimmung bedeutet jedoch nicht, die Jugendlichen in ihrer Selbststeuerung auf sich allein gestellt zu lassen“, so Koletzko. Vielmehr gehe es darum, den Jugendlichen Wege aufzuzeigen, welche Möglichkeiten es gibt, um eigene Interessen, Neigungen und Talente zu entdecken.

Der Titel von Koletzkos Arbeit lautet: „Bildungsberatung Jugendlicher mit geringen formalen Bildungsqualifikationen – Eine an den Adressat:innen orientierte Forschungsperspektive“. Dabei stand die zentrale, übergeordnete Frage im Fokus, welche Art von Unterstützung die jungen Menschen in Bezug auf Planung und Gestaltung ihrer Bildungs- und Berufsbiografie brauchen. Das hat Maren Koletzko mittels eines qualitativ-rekonstruktiven Studiendesigns erforscht, innerhalb dessen sie narrativ-biographische Interviews mit Jugendlichen geführt und narrationsanalytisch ausgewertet hat. Der Zugang zu den Jugendlichen gelang ihr über deren Lebenswelten wie beispielsweise Jugendzentren. Interviews ließen sich dabei dort besonders gut realisieren, wo Maren Koletzko im Vorfeld Vertrauensverhältnisse aufbauen konnte. Jugendliche in akuten multiplen Problemlagen konnten jedoch mit dem Interviewansinnen nicht erreicht werden.

Ziel der Arbeit war, herauszufinden, wie professionelle Bildungsberatungsangebote gestaltet und wo sie verortet werden sollten, um die Jugendlichen darin zu unterstützen, für sich Bildungsräume zu öffnen und zu erweitern. Ausgehend von einer Adressat:innenperspektive stand hierbei nicht allein die Gestaltung des Übergangs von der Schule in den Beruf im Vordergrund. Vielmehr wurde eine Förderung und Entwicklung von Fähigkeiten fokussiert, die den Jugendlichen eine Gleichheit in Bezug auf Verwirklichungschancen ermöglichen soll.

Seit März ist Maren Koletzko Teil des HSBI-Projektes Career@BI, das Wissenschaftler:innen fördert, die an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften promovieren wollen. (Foto: S. Jonek/HSBI)

Schule und familiäres Umfeld können oft nur unzureichend unterstützen
„Die Bedarfe der Jugendlichen sind sehr unterschiedlich“, erläutert Koletzko. „Herausfordernd ist, dass sie Lernstrategien entwickeln müssen, die ihnen das System Schule unzureichend vermittelt hat. Manche benötigen Unterstützung bei psychischen Herausforderungen oder sind auf mehrsprachige Beratungs- und Unterstützungsangebote angewiesen. Auch das familiäre Umfeld stellt nicht in jedem Fall eine adäquate Unterstützungsressource im Hinblick auf die bildungs- und berufsbezogenen Herausforderungen und Wünsche dar. Oft können die Jugendlichen auch gar nicht artikulieren, welchen Bedarf sie haben und bleiben in dieser Beziehung quasi sprachlos“, so Koletzko.

Coaching im Rahmen der offenen Kinder- und Jugendarbeit oder Schulsozialarbeit
Eine so verstandene Bildungsberatung im Rahmen der offenen Kinder- und Jugendarbeit oder der Schulsozialarbeit könnte vielversprechend sein, da diese zu den zentralen Anlaufstellen vieler Jugendlicher zählen. Den Bedarfen und Bedürfnissen der Jugendlichen ließe sich mittels Bildungscoaching und Mentoring begegnen. Beide Formate zielen auf eine Handlungsbefähigung, unterstützen bei der Persönlichkeitsentwicklung wie auch Selbst- und Rollenreflexion. „Gerade das Coaching ist eine Beratungsform, die lebensweltorientiert individuelle Themen beachtet und eine große Bandbreite an Beratungsverfahren umfasst“, so die Expertin.

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