TEXT: SASKIA POLZIN FOTOS: MARC BRINKMANN
Was, wenn das Wunderland gar kein Ort ist, sondern ein Zustand? Ein Raum irgendwo zwischen Wirklichkeit und Fantasie, zwischen Angst und Freiheit, zwischen dem, was wir sehen – und dem, was wir lieber nicht sehen wollen. In Alice im Anderland wird aus Lewis Carrolls fantastischer Welt ein Spiegel unserer eigenen.
Alice ist wieder unterwegs. Doch dieses Mal führt ihre Reise nicht ins Wunderland, sondern in die psychiatrische Einrichtung »Ramstein-Miesenbach«. Die Figuren, die wir aus Carrolls Welt kennen, sind trotzdem da: ein vom Krieg traumatisierter Hutmacher, eine zugedröhnte Raupe und eine unberechenbare Herzkönigin. Nachdem Alices Eltern bei einem tragischen Brand ums Leben gekommen sind, wird Alice in die Psychiatrie eingewiesen. Vertraute Figuren werden zu eigenwilligen
Charakteren – und hinter der Absurdität öffnet sich eine Geschichte über Angst, Macht, Trauma und die vielleicht unbequemste aller Fragen: Was geschieht, wenn Menschen beginnen wegzusehen?
Doch irgendwann erzählt dieses Stück eine andere, vielleicht noch wichtigere Geschichte: die der jungen Menschen, die auf der Bühne stehen.
Das Junge Theater Gütersloh zeigt Alice im Anderland nach Stephan Altherr und beweist dabei, wie viel entstehen kann, wenn Jugendlichen zugetraut wird, sich mit großen, schwierigen und sensiblen Themen auseinanderzusetzen. Die Darstellenden sind selbst noch sehr jung,
einige gerade einmal 13 Jahre alt. Unter der Leitung von Anna Lena Friedrichs entsteht ein Theaterabend, der diese Themen nicht aus sicherer Entfernung betrachtet, sondern ihnen Gesichter, Stimmen und Körper gibt.


Dabei eröffnet die Zusammenarbeit mit dem Choreografen Giovanni Cuccaro eine weitere Ebene. Tanz wird zum Ausdruck dessen, wofür Worte manchmal nicht reichen. Gefühle, Ängste und innere Zustände werden nicht nur erzählt, sondern werden körperlich sichtbar. Eine Bewegung kann plötzlich mehr sagen als ein ganzer Dialog. Und vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft dieser Inszenierung: Alice im Anderland erzählt nicht einfach eine Geschichte über Jugendliche – sie wird zu einer Geschichte von Jugendlichen.
Die jungen Darstellenden bringen ihre eigenen Fragen, Perspektiven und Erfahrungen mit auf die Bühne. Anna Lena Friedrichs versteht Theater dabei als »Fluchtort« – einen Raum, in dem Jugendliche für einen Moment aus ihrem Alltag heraustreten können und gleichzeitig alles mitbringen dürfen, was sie beschäftigt. Es geht nicht darum, ihnen vorzuschreiben, was sie denken oder fühlen sollen. Es geht darum, ihnen zuzuhören.
Vielleicht ist das überhaupt eine der schönsten Möglichkeiten von Theater: Es muss nicht immer Antworten geben. Manchmal reicht es, Fragen sichtbar zu machen. Und manchmal braucht es eine Fantasiewelt, damit wir die Wirklichkeit überhaupt erkennen können.
Alice im Anderland nimmt Jugendliche ernst. Nicht nur als Publikum, sondern als Menschen mit eigenen Gedanken, Ängsten, Widersprüchen und Geschichten. Die Welt von Alice schafft dabei Distanz – und ermöglicht gerade dadurch Nähe. Sie lässt uns lachen und staunen, bevor sie uns mit etwas konfrontiert, das vielleicht viel näher ist, als wir zunächst glauben.
Am Ende bleibt deshalb nicht nur die Frage, was mit Alice geschieht. Vielleicht geht es vielmehr darum, was mit uns geschieht, wenn wir ihr folgen. Denn vielleicht ist das Anderland gar nicht so weit entfernt. Vielleicht beginnt es genau dort, wo wir aufhören, wegzusehen.
















