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  • 29.04.2026
  • Ausgabe 122
  • RegioCarl

CAFE TALK PART 8

GÜTERSLOH OHREN AUFGEMACHT
CarlMakesMedia Redakteurbild

CarlMakesMedia

FOTOS UND TEXTE: CARLMAKESMEDIA

Es gibt Menschen, die nicht abwarten, bis etwas möglich gemacht wird – sie machen es einfach selbst. In unserem CaféTalk treffen wir genau diese Persönlichkeiten: Macher, die investieren, Haltung zeigen und ihre Stadt prägen, auch wenn es mal unbequem wird. Willkommen zur achten Runde unserer Gesprächsreihe, in der wir uns ungezwungen dort austauschen, wo das echte Leben spielt. Unser heutiger Gast ist eine Institution, die eigentlich keiner langen Vorstellung bedarf. Man begegnet ihm meist dort, wo angepackt wird: hinter der Theke, an der Spülmaschine oder beim Tüfteln an der nächsten großen Idee. Er ist das Herz des Parkbads, ein Original mit Hamburger Fischmarkt-Wurzeln und ein Verfechter des puren Pragmatismus. Wer ihn kennt, weiß: Franz fackelt nicht lange.

Wenn er abends eine Vision hat, steht das Ergebnis oft schon drei Tage später. Ob er dafür kurzerhand drei Ziegen kauft, um sich auf einem Markt Platz zu verschaffen, oder sich mit der Bürokratie anlegt, um seinen Gästen ein »Wohnzimmer unter freiem Himmel« zu bewahren – er bleibt sich treu. Franz-Josef Füchtenschnieder – oder für alle einfach nur »der Franz vom Parkbad«. Ehemaliger Fernfahrer, leidenschaftlicher Gastgeber und der Mann, der das Parkbad nicht nur als Gastronom, sondern als Lebensaufgabe führt. Ein Gespräch über den Mut zum Idealismus, den Kampf mit der Bürokratie, 50-Euro-Knöllchen und die Frage, wie viel »Hamburger Schnauze« man braucht, um das Gütersloher Parkbad seit zehn Jahren auf Kurs zu halten.

  • Franz-Josef Füchtenschnieder

  • Stadtgestalter, Pragmatiker, Visionär, Gastgeber mit herz, kreativer kopf und Idealist

Franz – Josef Füchtenschnieder

Anna: Franz, wenn man deinen vollen Namen hört – Franz-Josef Füchtenschnieder – klingt das fast ein wenig förmlich. Kennt dich in Gütersloh überhaupt jemand unter diesem Namen, oder bist du für alle einfach nur »der Franz aus dem Parkbad«?

Franz: Ach was, die meisten kennen mich eher als Franz Maroni, Franz Donuts oder Franz von den Möhren. Ich bin auf dem Hamburger Fischmarkt groß geworden, meine Onkel waren alle Händler. Da lernt man das Schnacken und Anpacken von der Pike auf. Ich habe zwar eine Lehre gemacht, bin aber schon währenddessen immer wieder auf dem Markt hängengeblieben.

Später bin ich lange Zeit für Schaustellertransporte gefahren – England, Dänemark, Italien. Ich war kein »Kirchturm-Reisender«, ich habe wirklich Strecken zurückgelegt. Das war eine schöne Zeit, aber heute ist das ein aussterbender Beruf. Die Kosten sind so hoch, dass es sich kaum noch rechnet. Bevor ich vor zehn Jahren das Parkbad übernommen habe, habe ich einen Campingplatz betrieben und lange ein Tennisheim bewirtet. Ich bin also schon immer nah an den Leuten gewesen.

Einstieg & Persönlichkeit

Anna: Du hast das Parkbad 2015 übernommen. Was war dein erster Gedanke, als du dich auf dieses Abenteuer eingelassen hast?

Franz: Ich dachte eigentlich, es wäre ein bisschen einfacher. Ich kannte die Leute ja alle vom Sehen. Ich bin in Gütersloh aufgewachsen, war früher viel in der Heuwaage oder im Wappelbad. Aber das Parkbad steht und fällt extrem mit dem Wetter. Hast du Sonne, läuft es; hast du kein Wetter, guckst du in die Röhre. In den sechs, sieben Monaten Saison muss das Geld für das ganze Jahr verdient werden. Einen richtigen Winterbetrieb gibt es noch nicht – die Leute sind es seit 100 Jahren gewohnt, dass man ins Parkbad nur im Sommer geht. Das ist wie ein ungeschriebenes Gesetz.

Anna: Wenn man dich hier so wirbeln sieht: Bist du eher Gastgeber, Unternehmer oder Stadtgestalter?

Franz: Ganz ehrlich? Ich stehe am liebsten an der Spülmaschine. Ich spüle Gläser, ich zapfe, ich mache Pizza – ich bin der Springer für alles. Den großen »Bürgermeister« will ich gar nicht spielen. Ich werde ja auch nicht jünger, jetzt mit 66. Aber ich habe das Auge darauf, wo was fehlt oder wo etwas schief steht. Ich denke, weil ich ein guter Gastgeber bin, werde ich hier auch so angenommen. Eine Freundin hat mal gesagt, ich sei ein Macher: Wenn ich abends eine Idee habe – und manchmal habe ich 20 Ideen auf  einmal, davon verwerfe ich zehn und wenn zwei Tage später die fünf restlichen Ideen noch da sind – zum Beispiel die umsetzung einer neuen Bühne, dann sehe ich das Ergebnis sofort vor mir und ziehe das innerhalb von drei Tagen durch. Ich bin vielleicht kein perfekter Kaufmann – ich würde das Bier am liebsten noch billiger machen – aber ich bin mit Herzblut dabei.

Ort & Konzept

Anna: Das Parkbad ist kein klassisches Freibad mehr. Wie würdest du diesen Ort heute beschreiben?

Franz: Es ist ein Wohlfühlort, eine kleine Erholung nach Feierabend. Man kann sich mit dem Aperol die Füße ins Wasser halten, wenn sie vom Tag geschwollen sind, oder im Liegestuhl ein Buch lesen. Es ist locker hier. Du musst nichts vorbestellen, kannst ad-hoc mit acht Leuten oder auch mehr kommen. Es gibt gutes, frisches Essen zu fairen Preisen: Pizza, Schnitzel, Backfisch oder die klassischen Freibad-Pommes, die gehen immer. Ich versuche das Angebot gerade noch zu erweitern, vielleicht mit Döner und Lahmacun, damit ich wirklich jeden anspreche und eine breite Palette für die kleine Küche habe.

Anna: Was macht diesen Ort so einzigartig für Gütersloh?

Franz: Die Atmosphäre unter dem alten Baumbestand ist einmalig. Hier haben die Leute schwimmen gelernt, hier haben sie zum ersten Mal »pussiert« oder sind nachts über den Zaun gestiegen. Jeder Gütersloher hat eine Verbindung hierher. Wir haben jetzt auch eine neue Freilichtbühne auf einer alten Rollschuhbahn, die wir für Lesungen oder Tangoabende nutzen. Es ist ein Ort der Begegnung – so wie der Dreiecksplatz oder der Stadtpark, nur eben mit diesem ganz speziellen Freibad-Flair.

Gesellschaft & Publikum

Anna: Wer ist der typische Parkbad-Gast?

Franz: Das Spektrum ist riesig: Vom Kleinkind bis zum Rentner. Besonders wichtig sind mir die alleinerziehenden Mütter. Alle können umsonst rein, können sich ihren Nudelsalat und ihr Essen selbst mitbringen – nur mitgebrachter Alkohol ist verboten. Wenn du mit drei Kindern irgendwohin gehst und alles bezahlen musst, kannst du das kaum stämmen. Diese Leute sind dankbar und kommen wieder, vielleicht beim nächsten Mal mit Freunden zum Kartenspielen. Mein Publikum ist super. In zehn Jahren musste ich nur drei Hausverbote aussprechen und kein einziges Mal die Polizei rufen, selbst bei Veranstaltungen mit 3000 Leuten nicht. Wer sich benimmt, darf bleiben. Wer nicht, geht.

Anna: Du hältst also strikt daran fest, dass der Eintritt kostenlos bleibt?

Franz: Ja, absolut. Sicherlich könnte man über einen Euro für die Toilettenbenutzung nachdenken, aber dann brauchst du schon wieder jemanden, der das kassiert. Das rechnet sich nicht. Ich bin der Gastgeber und die Leute sollen sich willkommen fühlen, ohne direkt am Eingang das Portemonnaie zücken zu müssen.

Konflikt & Verantwortung

Anna: Du hast die Sanierung des Bads öffentlich stark kritisiert. Warum war Dir das so wichtig und wie schwierig ist es, zwischen Stadt, Bauunternehmen und eigenem Betrieb zu stehen?

Franz: Weil ich Pragmatiker bin und sehe, wie hier Geld verbrannt wird. Man hat einer Fremdfirma 74.000 € für den Anstrich gegeben. Das ist doch Wahnsinn! Ich habe als Betreiber beim Schichtleiter im Werk angerufen und hätte die Farbe für 7.000 € am nächsten Tag auf dem Wagen gehabt. Aber nein, man gibt das Geld lieber Fremden, die mich dann nicht mal berücksichtigen. Da hört für mich der Spaß auf. Ich habe vier Monate auf die Farbe gewartet, die ich an einem Tag hätte organisieren können.

Anna: Auch das Thema Lärmschutz und die »Zehn-Uhr-Regelung« scheinen dich zu beschäftigen. Wie ist Dein aktuelles Verhältnis zur Stadt Gütersloh?

Franz: Schwierig. Das ist ein riesiges Problem. Um 22:00 Uhr muss hier Schluss sein. Welcher Mitte 30-Jährige will bei seinem Geburtstag um zehn nach Hause? Die Leute wollen feiern. Wenn ich bis Mitternacht machen dürfte, würde hier jede Hochzeit stattfinden. So müssen die Leute um zehn den »Absacker« woanders trinken, in der Heuwaage oder im Parkhotel. Wir haben Musiker, die im Hotel schlafen, die Bühne steht – das kostet alles 15.000 € und mehr, und dann musst du mitten in der Stimmung den Stecker ziehen. In der Innenstadt müsste man das mal auf 23:00 Uhr anheben, damit es lockerer wird. Es liegt oft nur an ein, zwei Nachbarn, die sich beschweren. Dabei wohnen hier nur Zugezogene – das Bad ist fast 100 Jahre alt, die wussten doch, worauf sie sich einlassen.

Anna: Wo hören Kompromisse auf und fängt Verantwortung an?

Franz: Kompromisse hören da auf, wo es an den gesunden Menschenverstand geht. Das ist das nächste Ding. Ich habe nur 19 Parkplätze. Mütter, die bei mir parken wollen, landen oft auf dem Grünstreifen und bekommen ein 50-Euro-Ticket. Das ist Wahnsinn. Ich habe dem Nachbarn, dem Bauern Neuhaus, vorgeschlagen, seinen Acker als Parkplatz zu nutzen. Er würde das Grundstück geben, will aber nicht investieren. Mit einer Schranke und Gittersteinen hätte sich das Ding in einem Jahr amortisiert. Aber die Stadt will es nicht. Stattdessen werden Knöllchen geschrieben.

Unternehmertum

Anna: Kann so ein Betrieb wirtschaftlich überhaupt funktionieren, wenn man so viel Idealismus reinsteckt?

Franz: Man muss kämpfen. Seit Corona ist das Personalproblem extrem. Die Leute aus der Gastro sind lieber ins Krankenhaus gegangen – da gibt es Schichtdienst, aber sicheres Geld. Ich habe jetzt erst mal wieder Leute, aber man muss sie pflegen, sonst sind sie weg. Und dann ist da der Denkmalschutz: Ich darf in der Halle kaum was verändern, die Heizkosten im Winter sind astronomisch. Aber ich gebe nicht auf. Ich plane jetzt zum Beispiel Schaukeln rund um den alten Autoscooter, damit ganze Schulklassen oder Hochzeitsgesellschaften dort gemeinsam schaukeln können. Da muss ich aber erst den TÜV kommen lassen wegen der Haftung, damit nichts passiert, wenn mal einer stürzt.

Anna: Aber gerade beim Thema Autoscooter gab es doch jetzt wieder Gegenwind von der Stadt, oder? Die Anlage wurde vorläufig außer Betrieb genommen.

Franz: Ach ja, da wird jetzt wieder ganz groß mit Sicherheit, Wasserhaushalt und Denkmalschutz argumentiert. Die Stadt hat Sorge, ob die Konstruktion nach der langen Lagerung standsicher ist und ob das Ganze in das Überschwemmungsgebiet passt. Da wird dann im Nachgang geprüft, was man eigentlich vorher hätte abstimmen müssen, sagen sie. Aber ich sehe das sportlich: Klar, das ist gerade ein kurzes Gezerre und wir müssen den Bereich erst mal sichern, aber ich bin da absolut positiver Dinge. Das wird sich alles klären. Wenn der TÜV erst mal draufgeschaut hat und die merken, dass das Ding stabil steht, dann wird auch die Stadt einsehen, dass der Autoscooter den Charakter des Parkbads nicht stört, sondern bereichert. Wir brauchen hier eben Lösungen und keine Probleme – und ich bin mir sicher, dass wir da bald grünes Licht kriegen.

Anna: Deine Schwester erzählte uns eine Geschichte über deinen Geschäftssinn auf dem Markt…

Franz: (lacht) Ach, du meinst die Sache mit dem Platz auf dem Markt in der Kaunitzer Eierhalle? Wenn ich keinen guten Platz kriege, muss ich mir eben einen machen. Da habe ich mal einem Händler kurzerhand drei Ziegen abgekauft und sie an einen Möhrenstand gebunden, um die Aufmerksamkeit auf meine Seite zu ziehen. Die letzten zwei Ziegen habe ich dann meiner Schwester geschenkt, die grasen heute noch in ihrem Garten. Man muss eben manchmal unkonventionelle Wege gehen.

Anna: Man hört ja auch immer wieder von sportlichen Höchstleistungen im Parkbad. Es gibt da dieses Gerücht über ein Boule-Turnier, bei dem du und die ehemalige Bürgermeisterin Maria Unger eine Rolle gespielt habt…

Franz: (lacht) Oh ja, das war der Wahnsinn! Wir haben hier gegen ganz viele Vereine gespielt, die einfach mal woanders antreten wollten. Da kommen dann zwölf Leute, bringen ihre Kinder und Enkelkinder mit – die Kleinen platschen im Wasser und die Opas spielen eine Runde Boule. Maria Unger und ich, wir haben da tatsächlich gemeinsam den ersten Platz belegt! Das ist genau das, was ich meine: Wir haben hier dieses »Bunkertum« aufgebrochen. Bei uns gibt es kein Gegeneinander, sondern nur ein Miteinander. Wenn jetzt zum Beispiel irgendwo eine Veranstaltung wegen Regen abgesagt wird, sage ich: »Kommt ins Parkbad, ich hab ein Zelt, spielt bei mir!« Ich bin zwar eigentlich kein großer Fan dieser typischen Vereinsmeierei, aber die Gemeinschaft hier ist so toll, dass wir dieses Jahr wahrscheinlich sogar einen eigenen Parkbad-Verein gründen werden. Das bringt die Leute einfach zusammen.

Anna: Was ist dein abschließender Wunsch für das Parkbad?

Franz: Es soll ein Ort bleiben, an dem man ohne Anmeldung und ohne Zwang zusammenkommt. Wir bieten das Equipment für Sport, wir bieten Kultur, Lesungen und Kleinkunst – und das alles ohne Eintritt. Es ist ein Stück Freiheit in Gütersloh. Solange ich kann, werde ich dafür sorgen, dass dieser Geist erhalten bleibt. Das Parkbad ist mein Leben.

Anna: Vielen Dank für das nette Gespräch und wir drücken fest die Daumen, dass alle Zukunftsvisionen Realität werden.

Franz: Danke euch!