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  • 06.10.2026
  • Ausgabe 127
  • RegioCarl

DIE BESTE WOCHE … DER KLEINEN KÜNSTE

Regina Meier zu Verl Redakteurbild

Regina Meier zu Verl

Content-Redakteurin

FOTOS: IRIS STALLEIN, PETER HEERMANN UND HOLGER RINNE TEXT: REGINA MEIER ZU VERL 44 | 45 RegioCarl

Manchmal braucht es nicht mehr als einen Sommerabend, ein paar Takte Musik – und einen Platz voller Menschen. Dann wird aus Zuhören plötzlich Mitwippen, aus Mitwippen Tanzen und aus Fremden werden für ein paar Stunden Nachbarn, Freunde, Fans. Fünf Abende lang war der Dreiecksplatz wieder genau dieser Ort. Einer, an dem Gitarren auf Soul trafen, Jazz auf Hip-Hop, Ukulelen überraschend wild werden durften und Musik aus aller Welt mitten in Gütersloh landete. Mal wurde gestaunt, mal getanzt, mal einfach nur zugehört. Und manchmal hielt es die Musiker selbst nicht mehr auf der Bühne – dann rückten Publikum und Künstler eben ein Stück näher zusammen. Zehn Acts, fünf Abende und unzählige kleine Momente, die sich kaum in Zahlen messen lassen. Die Woche der kleinen Künste 2026 zeigte einmal mehr, was passieren kann, wenn Musik, Menschen und ein besonderer Ort zusammenkommen. Wir waren noch einmal mittendrin.

Blug Granfled und Engelien

Wenn Thomas Blug und Ben Granfelt ihre Gitarren miteinander ins Gespräch bringen, wird aus einem Solo plötzlich ein Dialog. Melodien laufen zweistimmig umeinander, Motive werden hinund hergeworfen – technisch brillant und mit hörbarer Spielfreude. Dazu Martin Engelien, der seinen Bass kurzerhand vom Begleitinstrument zum Solisten beförderte. Classic Rock und Blues, jahrzehntelange Erfahrung und trotzdem kein bisschen musikalische Routine: An diesem Abend führte die Treppe zum Rockhimmel eben nicht nach London oder Los Angeles, sondern mitten auf den Gütersloher Dreiecksplatz.

Izo FitzRoy

Was für eine Stimme! Tief, kraftvoll und mit einer ordentlichen Portion Soul brachte Izo FitzRoy den Dreiecksplatz zum Schwingen. Unterstützt von ihrer Band und einem dreistimmigen Chor wechselte die Britin mühelos zwischen Soul, Gospel und rauer Emotionalität. Und während sich auf der Bühne Stimmen und Rhythmen immer weiter auftürmten, geschah davor etwas beinahe Magisches: Das Publikum wippte, lauschte – und ließ sich einfach mitnehmen. Mit ihren Songs erzählte FitzRoy von Hoffnung, Selbstbehauptung und der Suche nach dem, was trägt. Zum Schluss setzte sie mit „Hope Divine“ und „I Want Magic“ noch zwei musikalische Ausrufezeichen. Ein Konzert voller Kraft und Wärme – und einer Stimme, die so schnell niemand vergessen dürfte.

Joy Bogat

Man muss nicht laut sein, um gehört zu werden. Joy Bogat bewies das vom ersten Ton an. Mit ihrer klaren, beinahe schwebenden Stimme, feinen Melodien und Texten voller Gefühl zog die Sängerin das Publikum auf dem Dreiecksplatz in ihren Bann. Zwischen Indie, Soul und Pop entstand Musik, die Raum ließ – zum Zuhören, Nachdenken und Mitfühlen. Dabei ging es Bogat um mehr als schöne Klänge. Ihre Songs erzählen von Verletzlichkeit, Vertrauen und einem friedlichen Miteinander. Bass, Schlagzeug und die facettenreiche Stimme von Backgroundsängerin Joules Fuchs gaben den leisen Botschaften ordentlich Kraft. Und offenbar wollte Gütersloh noch nicht Abschied nehmen: Erst nach zwei Zugaben durfte Joy Bogat die Bühne verlassen.

Simon Oslender Trio und Jakob Manz

Festhalten, jetzt wird’s rasant! Simon Oslender und sein Trio hatten mit Saxophonist Jakob Manz einen Gast dabei, der die Töne nur so durch sein Instrument jagte. Claus Fischer ließ am Bass den Dreiecksplatz ordentlich vibrieren, Jérôme Cardynaals legte am Schlagzeug raffinierte Rhythmen darunter – und mittendrin Simon Oslender, der an den Tasten zeigte, warum er zu den außergewöhnlichen jungen Jazzmusikern des Landes gehört.

Mal groovte es, mal wurde es überraschend fein, dann wieder rasten die vier mit atemberaubender Spielfreude durch ihre musikalischen Dialoge. Hommagen an George Duke und die Brecker-Brüder fanden ebenso ihren Platz wie eine ganz eigene Interpretation von »Feel Like Makin’ Love«. Jazz zum ehrfürchtigen Staunen? Durchaus. Aber vor allem Jazz, bei dem die Beine irgendwann beschlossen, einfach mitzuwippen.

Ukulele Death

Wer bei Ukulele an Lagerfeuerromantik denkt, wurde an diesem Abend ziemlich schnell eines Besseren belehrt. Die Australier der Ukulele Death Squad brauchten nur wenige Takte, dann wurde aus vier Saiten eine musikalische Zündschnur. Ukulelen, Bläser, Percussion und Gesang wirbelten Folk, Ska und Rock durcheinander – und den Dreiecksplatz gleich mit. Matty Barker turnte vor, Gütersloh machte Frühsport, Instrumente wechselten ihre Besitzer und aus Songs wurden kleine Bühnenszenen. Herrlich verrückt, ziemlich komisch – und musikalisch verdammt gut. Selbst für leise Töne blieb Platz, bevor der Wahnsinn wieder Fahrt aufnahm. Am Ende standen längst Kinder, Jugendliche und Erwachsene vor der Bühne, Handys gingen hoch und die ostwestfälische Zurückhaltung hatte offenbar frühzeitig Feierabend gemacht. Ukulele unspektakulär? Von wegen.

Riserva Moac

Kaum sind die Australier von der Bühne, zieht Süditalien auf dem Dreiecksplatz ein – und mit ihm eine ziemlich temperamentvolle Revolution. Riserva Moac nennen ihren Sound „Worldrive“: Balkan, Folk und Rock prallen auf elektronische Beats, Akkordeon und Bläser. Tradition kommt hier nicht ins Museum, sondern mitten auf die Tanzfläche.

Dabei haben die Italiener durchaus etwas zu sagen. Ihre Songs erzählen von Veränderung, Zusammenhalt und Menschen, die etwas bewegt haben. Doch statt erhobenem Zeigefinger gibt es ordentlich Bass. Selbst „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ gerät unter italienische Räder und kommt irgendwo zwischen Polka, Rock und süditalienischem Straßenfest wieder zum Vorschein. Und Gütersloh? Tanzt, springt, singt – und vergisst für eine Weile einfach, stillzustehen. Vielleicht ist das ja tatsächlich die freundlichste Form von Revolution.

Zweierpasch

Deutsch oder Französisch? Bei Zweierpasch lautet die Antwort ganz einfach: beides! Die Zwillingsbrüder Till und Felix Neumann wechselten spielend zwischen den Sprachen und brachten mit Hip-Hop, Funk, Reggae, sattem Bass und einem bestens aufgelegten Trio Bewegung auf den Dreiecksplatz. Erst hielt sich Gütersloh noch ostwestfälisch zurück, wenig später flogen die Hände in die Luft. Doch Zweierpasch haben mehr im Gepäck als gute Beats. Ihre Texte erzählen von Freundschaft, Völkerverständigung und einem Miteinander über Grenzen hinweg – klare Botschaften, ohne erhobenen Zeigefinger. Und dann die Zugabe: Till und Felix verließen die Bühne, nahmen auf den leuchtenden Würfeln mitten vor dem Publikum Platz und wurden plötzlich ganz leise. Überall gingen die Handytaschenlampen an. Zwei Sprachen, viele Stimmen – und für einen Moment sprach der ganze Dreiecksplatz dieselbe.

Nomfusi

Diese Frau braucht offenbar keine Anlaufzeit. Nomfusi kommt auf die Bühne – und bringt Südafrika gleich mit. Mit gewaltiger Stimme, ansteckendem Charme und einer Bühnenpr.senz, die kaum Platz zum Wegschauen lässt, verbindet sie groovige Township-Sounds mit Maskandi-Gitarren, Afro-Soul, Gospel und gefühlvollen Balladen. Mal funkelt ihre Musik vor Lebensfreude, mal wird sie warm und gefühlvoll – doch lange ruhig bleiben kann dieser Abend nicht. Nomfusi und ihre Band treiben den Rhythmus immer weiter, bis zwischen Bühne und Publikum kaum noch zu unterscheiden ist, wer hier eigentlich wen anfeuert. Und irgendwann gibt es nur noch eine vernünftige Reaktion: tanzen. Schuhe? Werden völlig übersch.tzt.

Malaka Hostel

Ein Hostel mitten auf dem Dreiecksplatz? Warum nicht! Betten gab es bei Malaka Hostel zwar keine, dafür öffneten die Musiker aus dem Breisgau ihre musikalischen Türen ganz weit. Erst ein paar sphärische Geigentöne, dann E-Gitarre, Trompete – und plötzlich war die Reise in vollem Gange. Balkan Beats trafen auf Ska, Folk, Reggae und Polka, Geige und Gitarre warfen sich die Melodien zu und der satte Rhythmus erledigte den Rest. Gut, dass Tische und Bänke an diesem Abend gar nicht erst im Weg standen: Gütersloh brauchte Platz. Zum Wippen, Tanzen, Mitsingen – und irgendwann sogar zum gemeinsamen Coyotengeheul. Malaka Hostel machten ihrem Namen alle Ehre: Hier durfte jeder herein, Sprachen und Stile spielten keine Rolle und Musik wurde zur gemeinsamen Adresse. Und als zum Schluss die Akustikgitarre herauskam und »Bon Voyage« erklang, wurde aus der wilden Reise plötzlich ein kleiner Gänsehautmoment. Auschecken? Nur äußerst ungern.

Make a Move

Eben noch Autobahn, eben noch Stau – und dann ohne großes Vorgeplänkel rauf auf die Bühne. Make A Move aus Berlin hatten keine Zeit zu verlieren. Bass, Drums, Bläser und Keys an, gute Laune an – und schon verwandelte sich der Dreiecksplatz in eine ziemlich große Tanzfläche. Hip-Hop und Pop trafen auf Funk, Jazz und elektronische Grooves, Frontmann Jo rappte, trommelte und moderierte sich grinsend durch den Abend, während Sophie an den Tasten auch die leiseren Töne beherrschte. Die Bläser legten sich mächtig ins Zeug, der Bass drückte – und Gütersloh sang und tanzte längst mit. Doch einfach nur mittanzen? Viel zu gewöhnlich. Irgendwann brauchte Make A Move Platz mitten auf dem Rasen. Frontmann Jo machte vor, das Publikum machte mit – und plötzlich hüpften Erwachsene im Kreis wie Kinder. Spätestens jetzt war klar: Melancholie hatte an diesem Abend schlechte Karten. Der letzte Festivaltag endete nicht. Er hüpfte einfach davon.

Kontakt:

Kulturgemeinschaft
Dreiecksplatz e.V.
Hohenzollernstr. 25
D-33330 Gütersloh