TEXT: REGINA MEIER ZU VERL
»Ich habe mein ganzes Leben lang gewusst, wer ich bin. Und wenn ich noch einmal anfangen dürfte, würde ich mutiger sein.«
Auf der Suche nach dem eigenen Ich Ein älterer Herr besucht uns im Büro. Er hat ein dickes Buch unter dem Arm. »Darin steht meine Lebensgeschichte«, sagt er und legt das Buch mit einem gewissen Stolz auf den Tisch. Mehr als hundert Seiten hat er zusammengetragen. Erinnerungen, Gedanken und Erfahrungen aus einem Leben, das anders verlief, als viele vermuten würden. Die Geschichte, die er erzählt, beginnt bereits in der Kindheit. In seinen Aufzeichnungen nennt er sich Giggi. Schon nach wenigen Minuten wird klar: Hinter dem dicken Ordner verbirgt sich eine Geschichte, die ungewöhnlicher ist, als man zunächst vermuten könnte. Giggi lebt seit ihrer Kindheit mit dem Gefühl, nicht in die Rolle zu passen, die ihr bei der Geburt zugeschrieben wurde.
Nun sind wir kein Verlag, der die Aufzeichnungen veröffentlichen könnte, aber eine kleine Geschichte über sein Leben könnten wir schreiben. Allein schon, um auf ihn und sein Leben als Giggi aufmerksam zu machen. Das ist es, was er sich wünscht und während wir uns fragen, was sein Leben ausmacht, beginnt er ein paar Details zu erzählen.
Frühe Erkenntnis
Schon recht früh, im Alter von etwa 13 Jahren, bemerkt Giggi, dass sie sich wie ein Mädchen fühlt. Es sind zunächst nur kurze Augenblicke, wenn niemand zu Hause ist. Dann probiert sie heimlich Kleidung ihrer Schwester an und betrachtet sich im Spiegel. Für einen Moment fühlt sich alles stimmig an – ein Gefühl, das sie im Alltag lange vermisst. Leider dauert das Gefühl nur so lange an, bis sie wieder zu dem Jungen wird, der sie zu sein hat.
Als sie älter wird, kleidet sie sich gern mit eigenen Sachen ein. Sie liebt schöne Kleider, fließende Stoffe, gern auch in leuchtenden Farben. Dafür spart sie ihr Geld. Recht bald lernt sie, wie sie sich kleiden und schminken muss, um im Spiegelbild die Frau anzuschauen, die sie sein möchte. Ein wunderbares Gefühl. Aber das allein macht nicht glücklich. Sie möchte sich zeigen, Kontakte schließen, sich austauschen. Wie schön wäre eine Bestätigung gewesen, aber darauf muss sie lange warten.
Berufswahl, typisch männlich
Wie alle anderen jungen Menschen in ihrem Umfeld erlernt Giggi einen Beruf, einen typisch männlichen sogar. Sie wird Automechaniker und arbeitet später viele Jahre in einem großen Gütersloher Unternehmen. Unerkannt. Nach außen führt Giggi also ein Leben, das völlig gewöhnlich erscheint. Arbeit, Familie und Alltag bestimmen die Jahre. Dass sie innerlich einen anderen Weg gehen möchte, bleibt ihr persönliches Geheimnis. Sie heiratet – ihre Ehefrau weiß Bescheid über ihre Vorliebe in die Frauenrolle zu schlüpfen, in der Giggi zu Hause ist. Die Ehefrau möchte aber nicht, dass es nach außen dringt. Giggi lebt das Frausein also heimlich, aber nicht mit allen Konsequenzen. Sie bleibt in ihrem männlichen Körper und wenn sie das heute, fast achtzig-jährig, noch einmal entscheiden müsste, würde sie es anders machen – Frausein mit allen Konsequenzen, das wäre schön gewesen!
Endlich eine Freundin
Es ist schwierig, sich jemandem zu öffnen, sich mitzuteilen, Freunde zu finden. Aber das ist Giggi gelungen, sie hat eine Freundin – Ela – mit der sie über alles reden kann und mit der sie auch als Frau ausgehen kann, ohne erkannt zu werden, denn die Familie soll darunter nicht leiden. Eigene Kinder hat Giggi nicht, aber Töchter, die die Ehefrau aus einer früheren Ehe mitgebracht hat. Mittlerweile zählen auch Enkelkinder zur Familie.
Ob alle, die nach Giggi kommen einmal ihre umfangreichen Aufzeichnungen lesen werden, ist ungewiss. »Aber darauf kommt es mir nicht an!«, sagt sie. Sie möchte aufklären, vielleicht sogar Hilfestellung geben denen, die wie sie auf der Suche nach ihrer eigenen Identität sind und die sich nach Freunden und Verständnis sehnen. Mit ihrer Geschichte möchte Giggi niemanden überzeugen. Sie möchte Verständnis wecken und Mut machen – für Menschen, die sich vielleicht ähnliche Fragen stellen und ihren eigenen Weg noch suchen.
Heute hat Giggi mit Ela eine Freundin gefunden, der sie alles erzählen kann. Dennoch hofft sie auf weitere Begegnungen mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Die über hundert Seiten ihrer Lebensgeschichte sind deshalb mehr als Erinnerungen. Sie sind eine Einladung zum Gespräch.
Hinter vielen Türen unserer Stadt leben Menschen mit Geschichten, die wir nie vermuten würden. Dies ist eine davon. Aus Rücksicht auf Familie und Privatleben haben wir auf die Nennung des Namens verzichtet. Nicht die Person soll im Mittelpunkt stehen, sondern ihre Geschichte. Und die verdient es, gehört zu werden.


