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  • 24.02.2026
  • Ausgabe 120
  • RegioCarl

OLÁ LEBEN

WO HINDERNISSE ZU WEGWEISER WERDEN
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FOTOS : SANDRA SKALA · TEXT : CARLMAKESMEDIA

Sandra und Michael sitzen barfuß im Staub ihres Grundstücks, irgendwo in Portugal. Zwischen ihnen: ihre Kinder Leyla und Marvin. Damals ist Leyla zweieinhalb, Marvin elf. Es ist 2015, der Anfang eines Lebens, das sich nicht aus Flucht speist, sondern aus Neugier. Aus dem Wunsch, noch einmal neu anzufangen. Portugal ist für die Familie kein Zufall. Schon die ersten Urlaube fühlen sich anders an. Nicht wie Erholung, eher wie ein leises Erinnern. An etwas Ursprüngliches. An ein Leben, das weniger laut ist. Also kaufen sie ein Stück Land – vier Hektar, abgelegen, ohne Strom, ohne fließendes Wasser. Am sprichwörtlichen Ende der Welt.

Sie schlafen in Zelten, schöpfen Wasser aus einem alten Brunnen, bauen gemeinsam ein kleines Holzhaus. Fünfzig Quadratmeter. Mehr brauchen sie nicht. Die Tage sind einfach, körperlich, ehrlich. Es gibt keine Ablenkung, kein Internet, keine Nachrichten. Nur Familie. Und Zeit.

Für Leyla ist es leicht. Für Marvin nicht. Er lässt Freunde zurück, Sprache, Alltag. Er lernt Portugiesisch, findet seinen Platz – irgendwie. Und doch wächst mit den Jahren ein anderes Bedürfnis. Mit 16 sagt er, dass er zurück nach Deutschland möchte. Kurz darauf beginnt die Corona-Zeit. Wieder eine Entscheidung. Wieder ein Abschied.

Nach fünfeinhalb Jahren verkauft die Familie alles. Das Land. Das Haus. Das Projekt. Zurück nach Gütersloh, in den Winter, in feste Wände, hohe Mieten und alte Strukturen. Schnell wird klar: Sie sind innerlich nicht zurückgekehrt. Also fahren sie wieder los. Im Van. Zwischen Arbeit, Schule und Sehnsucht.

Heute leben Sandra und Michael erneut in Portugal. Zum dritten Mal bei null. Vier Kilometer vom Meer entfernt, auf einem wilden Stück Land. Wieder bauen sie selbst. Wieder pflanzen sie Bäume. Wieder entstehen Tiny Houses. Marvin lebt inzwischen in Deutschland. Eine Entscheidung, die schmerzt – aber Freiheit bedeutet auch, loszulassen.

Portugal ist langsamer. An der Ampel hupt niemand. An der Kasse wird geredet. Zeit ist hier kein Gegner. Nicht alles ist leicht: Arbeit, Sprache, Unsicherheit. Aber vieles fühlt sich richtiger an. Weniger Konsum. Weniger Druck. Mehr Leben.

Diese Reise – die äußere und die innere – hat Sandra in ihrem Buch „Olá Leben“ festgehalten. Es ist kein klassisches Auswandererporträt. Es ist die Geschichte eines radikalen Loslassens. Von Besitz, von Sicherheiten, von dem Bild, das andere von einem haben. Ein Buch über Zweifel, Mut und die leise Erkenntnis, dass Wachstum oft dort beginnt, wo nichts mehr sicher ist.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Reise.

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