
Als wir alle eine Mannschaft waren
Es gab Sommer, da verwandelte sich Gütersloh in etwas Besonderes. Nicht wegen eines Festes. Nicht wegen eines Konzerts. Sondern wegen elf Männern in weißen Trikots und dem Adler auf der Brust. Wenn die deutsche Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft auflief, geschah etwas Magisches. Menschen verließen ihre Wohnzimmer, schlossen ihre Haustüren und strömten dorthin, wo die Stadt plötzlich zu einem großen gemeinsamen Herzschlag wurde. Zuerst auf dem Berliner Platz. Später dann zwischen Theater und Wasserturm. Dort, wo sich nicht Hunderte, sondern Tausende trafen. Bei den großen Deutschlandspielen drängten sich zeitweise bis zu 10.000 Menschen auf dem Berliner Platz. Menschen aller Generationen, aller Berufe und aller Nationalitäten. Menschen, die im Alltag oft nichts miteinander zu tun hatten und doch für neunzig Minuten dieselbe Hoffnung teilten. Ein Tor. Nur ein einziges Tor. Und plötzlich lagen sich wildfremde Menschen in den Armen. Wer diese Abende erlebt hat, erinnert sich nicht zuerst an Ergebnisse oder Tabellen. Man erinnert sich an Gefühle. An dieses kaum greifbare Kribbeln kurz vor dem Anpfiff. An die Nationalhymne, die von Tausenden Stimmen getragen wurde. An die gespannte Stille vor einem Elfmeter. An die Explosion der Freude, wenn der Ball im Netz zappelte. Es waren Momente, die man nicht planen konnte. Momente, die entstanden, weil Tausende Menschen gleichzeitig dasselbe fühlten. Vielleicht war genau das die eigentliche Schönheit des Public Viewings. Es ging nie einzig und allein um Fußball. Es ging um unverhohte Gemeinschaft. Für ein paar Stunden war Gütersloh nicht in Stadtteile aufgeteilt. Nicht in Meinungen, Herkunft, Alter oder soziale Schichten. Für ein paar Stunden waren wir einfach eine Mannschaft. Jeder Jubelschrei wurde lauter, weil ihn Tausende andere mittrugen. Jede Enttäuschung wurde leichter, weil man sie gemeinsam erlebte. Und jeder Sieg fühlte sich größer an, als er eigentlich war. Heute läuft wieder eine Fußballweltmeisterschaft. Und doch bleibt es still. Die Plätze, auf denen einst Tausende gemeinsam fieberten, bleiben leer. Keine riesigen Leinwände. Keine schwarz-rot-goldenen Menschenmeere. Kein kollektives Bangen. Kein gemeinsames Aufatmen. Keine Jubelschreie, die bis weit über die Dächer der Gütersloher Innenstadt hinaus zu hören sind. Natürlich kann man Fußball heute überall schauen. Zuhause auf dem Sofa. Im Garten. Auf dem Smartphone. In kleinen Gruppen. Aber etwas lässt sich nicht streamen. Das Gefühl, Teil eines großen Augenblicks zu sein. Einen Augenblick den Tausende gleichzeitig erleben. Vielleicht sind es gerade diese Erinnerungen, die ein Foto so wertvoll machen. Es zeigt nicht nur Menschen. Es zeigt Zusammenhalt. Es zeigt Emotionen. Es zeigt eine Stadt, die für einen Abend alle Unterschiede vergessen hatte. Und während die Deutsche Nationalmannschaft heute wieder um Titel kämpft, bleibt die Frage, ob wir nicht mehr verloren haben als nur eine Leinwand auf einem Platz in der Innenstadt. Denn Public Viewing war nie die Kunst, gemeinsam Fußball zu schauen. Es war die Kunst, gemeinsam zu fühlen. Und vielleicht fehlt uns genau das mehr, als wir heute wahrhaben wollen. Denn eigentlich geht es gar nicht nur um Fußball. Der Fußball ist nur die Bühne. Die eigentliche Geschichte handelt von Menschen, die für ein paar Stunden alles andere vergessen haben und gemeinsam gelacht, gehofft, mitgefiebert und gefeiert haben. Und genau das lässt dieses Foto wirken. Denn jeder, der damals dabei war, wird sich erinnern und wiederfinden. Und jeder, der nicht dabei war, wird sich wünschen, dabei gewesen zu sein … Matthias Kirchhoff
Kontakt:
Lifestyle Magazin Carl
Königstraße 42
33330 Gütersloh

