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  • 16.12.2025
  • Ausgabe 118
  • RegioCarl

MITTEN IM ATLANTIK

WIE EIN JUNGER OELDER SEINEN LEBENSTRAUM ERFÜLLTE
Regina Meier zu Verl Redakteurbild

Regina Meier zu Verl

Content-Redakteurin

FOTOS: ANDRE HOCHGREFE · TEXT: REGINA MEIER ZU VERL

Wenn Andre heute über den Sand von Martinique läuft, lacht er noch immer fassungslos. Vor wenigen Tagen war da nur Meer – 21 Tage lang. Wellen, Wind, unendlicher Horizont. »Es fühlt sich immer noch surreal an«, sagt er, während er sich eine Kokosnuss unter den Arm klemmt. Das Abenteuer seines Lebens liegt hinter ihm: eine Atlantiküberquerung auf einem 46-Fuß-Katamaran, zusammen mit sieben Fremden, die unterwegs zu einer Crew wurden. Doch eigentlich begann alles viel früher. Und vollkommen anders.

EINE LAGERFEUER-GESCHICHTE, DIE ALLES VERÄNDERTE

2021 reist Andre erstmals in die Karibik – ein Zufallstrip, entstanden aus einer Zimmeranzeige, die eine Freundin damals in Paderborn schaltete. Eines Abends erzählt der Vater der Gastfamilie von seiner Weltumsegelung – und der gefährlichsten Etappe: der Atlantikquerung. Sturm, gebrochene Teile, Nächte ohne Schlaf. Eine eindringliche Warnung. Doch bei Andre zündet etwas. Ein Gedanke, der ihn fortan nicht mehr loslässt: Einmal im Leben den Atlantik übersegeln.

VOM TRAUM ZUR MÖGLICHKEIT

Jahre später entdeckt Andre auf »HandGegenKoje« eine Anzeige: Skipper Felix sucht eine Crew für eine Überführung von Mallorca in die Karibik. Andre sitzt im ICE nach Hamburg, greift spontan zum Handy, stellt sich vor: kaum Segelerfahrung, aber Sportbootführerschein, Lernwille, Teamgeist, Abenteuerlust. Als der Zug in Hamburg einfährt, kommt die Nachricht: Er darf mit. Starttermin: 1. November.

ZWISCHEN IRONMAN, ABSCHLUSSPRÜFUNG UND BOOTSMEDIZIN

Die Monate bis zur Abfahrt sind dicht gefüllt: Andre beendet seine Bachelorarbeit und hält die mündliche Prüfung per Videoanruf ab – aus einer WG auf Gran Canaria, in Badehose und Flipflops. Parallel kümmert er sich um Versicherungen, ärztliche Checks und die nötige Ausrüstung. Denn wer auf dem Atlantik unterwegs ist, unternimmt keine Instagram-Reise. Die Crew: sieben Deutsche, eine Norwegerin – bunt gemischt, motiviert, respektvoll. Das Boot: ein Katamaran vom Typ Lagoon 46.

EINKAUFEN FÜR 8 MENSCHEN – EIN LOGISTISCHES KUNSTWERK

Rund 4000 Euro fließen in Lebensmittel: Pasta, Reis, Gemüse, Obst (so grün wie möglich), Snacks für Nachtschichten, Mehl für Bananenbrot und Apfelkuchen. Dazu unzählige Liter Wasser trotz Watermaker, Medikamente, UV-Shirts, Rettungswesten, Ersatzteile.

 

LEINEN LOS – UND HINEIN IN DIE WEITE

Am 1. November springen die Leinen ab. Kaum draußen, übt die Crew ein Manöver, das sie hoffentlich nie brauchen wird: Mann über Bord. Die Route führt Richtung Süden, weit entfernt von Afrikas Küste – aus Sicherheitsgründen. Der Atlantik öffnet sich und der Rhythmus beginnt.

DER ALLTAG ZWISCHEN SCHICHTPLAN UND STERNENHIMMEL

3 Stunden Wache, 7,5 Stunden Pause, Tag und Nacht. Ausschau nach Schiffen, Netzen, treibenden Containern. Nachts: ein Sternenhimmel ohne Lichtverschmutzung, durchzogen von Sternschnuppen, die neue Wünsche hervorzaubern und einer Stille, wie man sie nur auf offener See findet.

ZWISCHEN SEEKRANKHEIT UND BANANENBROT

Fast alle werden anfangs seekrank, Andre ebenfalls. Ein kleines Pflaster hilft. Bald kommen Routinen: Sushi aus selbst gefangenem Mahi-Mahi, Lesen, Schreiben, Sport mit Wasserkanistern, Seilspringen auf rollendem Deck. Doch es gibt auch Momente der Enge. »Ich habe mich kurz gefragt, wie ich hier wegkommen soll – und gemerkt: Gar nicht«, erzählt Andre. Sein Kabinennachbar Tobi backt mit ihm Bananenbrot und schon wird es leichter.

STURM, SEGELRISS UND EIN KAPUTTER MOTOR

Der Ozean meint es nicht immer gut: Ein Segel reißt, ein Motor fällt wochenlang aus. In Gewitterfronten peitschen Wind und Regen über das Deck. Andre hängt eingeklinkt in der Leine, löst vorn am Bug ein Tau, während der Regen waagerecht fällt. Momente, die man nie vergisst, weil sie Grenzen zeigen und das Gefühl von »lebendig sein« schärfen.

 

DER MOMENT, AUF DEN ER HINGEARBEITET HAT

Nach 1,5 Wochen: Flaute. Kein Land in 1900 Kilometern Entfernung, unter ihnen über 5000 Meter Tiefe. Die Crew wirft eine Boje aus, Andre springt ins leuchtend blaue Wasser. Er legt sich auf den Rücken, schaut in den Himmel – und weiß: Das ist der Moment, den er sich erträumt hat.

KARIBISCHE KÜSTE IN SICHT

Am 21. Tag tauchen im Morgenlicht die Berge von Martinique auf. Kurz darauf erreicht das Dinghy eine kleine Bucht. Türkisfarbenes Wasser, weißer Sand. Andre springt an Land, rennt ein paar Schritte – und merkt, wie ungewohnt sich fester Boden anfühlt. Tränen. Lachen. Erleichterung. Sie haben es geschafft.

EIN ABENTEUER, DAS BLEIBT

Die Crew zerstreut sich. Andre bleibt noch ein paar Tage, lässt alles sacken, bevor er nach Hause fliegt. »Ich glaube, ich werde noch lange brauchen, um wirklich zu begreifen, was ich da erlebt habe«, sagt er. Der Atlantik hat ihn verändert. Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb Menschen solche Reisen wagen.

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