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  • 16.12.2025
  • Ausgabe 118
  • RegioCarl

CAFE TALK

GÜTERSLOH OHREN AUFGEMACHT... PART 4
CarlMakesMedia Redakteurbild

CarlMakesMedia

FOTOS UND TEXTE: CARLMAKESMEDIA

Willkommen beim vierten CaféTalk – wo alles zur Sprache kommt, wenn man sich mit außergewöhnlichen Menschen auf einen Kaffee trifft und sich mal ungezwungen unterhält. Unser Talkgast ist Steffen Böning – ein »Waschechter Gütersloher« – der mit uns über Heimat, Wandel, Kultur und Neuanfang spricht. Manchmal beginnen große Geschichten mit Pizza, Kaffee und späten Strategiepapieren. Und manchmal mitten im Biergarten der Weberei, zwischen Stimmengewirr und Sonnenstrahlen auf dem Holzdeck. Er war Stratege in internationalen Medienkonzernen, entwickelte Mobilfunkmodelle, die heute Standard sind – und leitete schließlich zwölf Jahre lang die Weberei, das pulsierende Herz der Gütersloher Kultur. In unserem CaféTalk sprechen wir über seine Biografie voller Heimatliebe, mutiger Entscheidungen und der Überzeugung, dass Kultur Menschen zusammenführt. Von der ersten Idee im Biergarten bis zum Aufbau von Veranstaltungsformaten, die heute in der Stadt kaum noch wegzudenken sind. Und von einem Neuanfang: dem »Weberei-Bahnhof« in Borgholzhausen, einer Vision, die Kultur neu denken will.

STEFFEN BÖNING

  • 52 JAHRE ALT
  • VISIONÄR UND MACHER
  • FÜR KULTUR UND SOZIALKULTUR
  • HERZENSMENSCH
  • UND EIN »WASCHECHTER GÜTERSLOHER«

Ein Gespräch über Wurzeln und Wege, über Risiken und Rückhalt, über Ostwestfalen und die Frage, wie ein Kulturzentrum im Jahr 2026 aussehen sollte – und was es wirklich bedeutet, ein Ort für alle zu sein.

Anna: Was heißt für dich eigentlich »waschechter Gütersloher«?

Steffen Böning: Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob ich mich jemals so bezeichnet habe – aber wenn er mir zugeschrieben wird, wehre ich mich auch nicht dagegen. Ich bin hier geboren, hier zur Schule gegangen, habe hier Tennis gespielt, hier Abi gemacht, bin hier groß geworden. Und auch wenn ich beruflich später in Düsseldorf und den USA unterwegs war, gab es immer einen festen Ankerpunkt in Gütersloh.

Ein Zimmer, eine Wohnung, Freunde, Familie – irgendetwas war immer da. Ich war nie komplett weg. Wahrscheinlich macht genau das einen »waschechten Gütersloher« aus: Man kann reisen, leben, arbeiten, wo man will, aber die Wurzeln bleiben hier.

Anna: Wie ging deine Reise nach der Schulzeit los?

Steffen Böning: Ich war überzeugter »Städter mit Herz«, habe am Städtischen Gymnasium Abi gemacht. Damals gab es ja den mehr oder weniger spaßhaften Konkurrenzkampf zwischen den beiden Gymnasien – wobei ich auch bei den »bösen Stiftern« viele Freunde hatte. Nach dem Abi habe ich Betriebswirtschaft studiert und parallel eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei Bertelsmann gemacht. Das war noch die Zeit, in der die Großmutter sagte: »Junge, mach auch was Vernünftiges, was dir keiner mehr nehmen kann.« Das hieß damals: Bankkaufmann oder Industriekaufmann. Etwas Solides. Heute würde ich jungen Leuten eher raten: Mach das, worauf du am meisten Lust hast – nicht das, was vermeintlich Sicherheit verspricht.

Anna: Wie kam der Kontakt zu Bertelsmann zustande?

Steffen Böning: Tatsächlich über die Ausbildung. Vorher hatte ich mit Bertelsmann überhaupt keine familiären oder privaten Berührungspunkte. Ich wusste bis zum Abitur nicht einmal wirklich, dass in Gütersloh CDs und Bücher produziert wurden. Aber die Ausbildungszeit hat vieles verändert und so habe ich später dort einen großen Teil meines Berufslebens verbracht.

Anna: Du warst damals schon früh in der Strategieabteilung, richtig?

Steffen Böning: Ja. Ich hatte das Glück, relativ schnell als Werkstudent in die Strategieabteilung zu kommen. Das war Ende der 90er, Anfang der 2000er – die wilden frühen Internetzeiten. AOL-CDs lagen überall herum, jeder sprach von »Multimedia«. Wir saßen nachts bis 3 Uhr im Büro, mit kaltem Kaffee und Pizza, und entwarfen Internetstrategien, die in einem Markt stattfanden, den eigentlich niemand verstand. Aber es war unglaublich lehrreich und prägend.

DER WEG IN DEN MOBILFUNK – UND DREI REVOLUTIONÄRE IDEEN

Anna: Und dann ging es in Richtung Mobilfunk?

Steffen Böning: Genau. Eher zufällig. Wir beschäftigten uns damals mit der Frage: Wie verbindet man Mobilfunk mit Medieninhalten? Das führte zu Projekten wie BildMobil, ToggoMobil – damals noch mit WAP-Handys. Klingt heute urkomisch, aber es war der Anfang dessen, was wir heute selbstverständlich nutzen. Und dann entstand das erste große Joint Venture mit Vodafone. Da bin ich tief in die Düsseldorfer Mobilfunkwelt eingetaucht.

Anna: Du warst dann auch bei E-Plus tätig, oder?

Steffen Böning: Ja, irgendwann rief der Chef von E-Plus an – der »grüne« Konzern damals – und sagte: »Wenn du mal unzufrieden bist, meld dich.« Lustigerweise war es genau einer dieser überlasteten Tage, an denen man über Veränderung nachdenkt. Kurz darauf saßen wir zusammen. Das Angebot, die internationale Geschäftsentwicklung zu verantworten, war sehr spannend. E-Plus war der kleinste Anbieter – das zwingt zu Mut. Und so entstanden dort drei Modelle, die den deutschen Mobilfunk bis heute geprägt haben:

Mit BASE haben wir die erste echte Flatrate eingeführt, die damals als undenkbar galt, weil viele warnten: »Dann telefonieren die Leute ja rund um die Uhr«, während sie heute längst Standard ist. Mit simyo folgte der erste reine Online-Mobilfunkanbieter, obwohl überall zu hören war: »Das geht nicht, man muss beraten, man muss in den Shop.« Auch Aldi Talk wurde zunächst als völlig absurd abgetan, doch durch extrem effiziente Prozesse, die selbst den auf kurzgetakteten ausgelegten Kassiervorgang einhielten, konnte sich das Angebot durchsetzen. Heute zählt Aldi Talk zu den größten Mobilfunkangeboten Deutschlands.

Anna: Du warst auch für Bertelsmann eine Zeit lang in den USA?

Steffen Böning: Ja, im Zusammenhang mit einem Projekt von Random House: Exlibris. Das war damals revolutionär – Self-Publishing, bevor es Self-Publishing gab. Die Idee: Jeder ist ein unentdeckter Autor. Und auf einmal konnte man ein Buch veröffentlichen, ohne vorher 2000 gedruckte Exemplare in der Garage stapeln zu müssen. Durch Print-on-Demand und Amazon war das technisch möglich.

Wir brachten mehr Titel heraus als Random House selbst – natürlich viele Kleinstauflagen von 1 bis 99 Exemplaren. Manche Bücher waren großartig. Andere bestanden buchstäblich aus 200 Seiten, auf denen nur »Hallo« stand. Aber es ging um etwas anderes: Um Sichtbarkeit. Um Selbstverwirklichung. Darum, dass Menschen sagen konnten: »Ich bin Autor.«

PLÖTZLICH WIEDER GÜTERSLOH: DIE BROCKHAUS-ÄRA ENDET – UND EIN BIERGARTENMOMENT VERÄNDERT ALLES

Anna: Wie kamst du von dort aus wieder zurück in die Region?

Steffen Böning: Auch das war mehr Zufall als Plan. Ich traf ehemalige Bertelsmann-Kollegen am Flughafen, die sagten: »Wir suchen gerade Unterstützung.« So kehrte ich zurück und war bei den letzten großen Projekten von Brockhaus dabei. Ein traditionsreiches Wissensprodukt, das durch Wikipedia quasi über Nacht überholt worden war. Die Aufgabe bestand darin, zu prüfen: Was kann man retten? Was lässt sich transformieren? Was muss beendet werden? So hatte ich das Glück, Geschäftsführer der letzten Brockhaus-Ausgabe zu sein

Anna: Und dann saßt du irgendwann im Biergarten der Weberei …

Steffen Böning: Genau. Wir lasen in der Zeitung, dass die Weberei insolvent war und die Stadt neue Konzepte suchte. Und wie das bei Ostwestfalen ist: Jeder weiß sofort, warum es schiefgegangen ist. Jeder hat eine Meinung. Jeder erzählt eine Geschichte, warum »das ja klar war«. Und ich mag dieses »Man müsste mal …« eigentlich nicht. Also dachte ich: Wenn wir glauben zu wissen, wie’s besser geht – dann schreiben wir’s auf. Aus dieser Idee wurde ein Konzept. Eigentlich bürgerschaftliche Unterstützung gedacht. Doch plötzlich waren wir im offiziellen Auswahlverfahren – und mussten uns entscheiden:

Meinen wir es ernst? Ja, wir meinten es ernst. »Kulturelle DNA wiederbeleben« – Die Anfangsphase der neuen Weberei. Die Parkbad-Veranstaltung: Gütersloh redet Klartext. Bevor eine Entscheidung fiel, organisierte das Team eine große Beteiligungsrunde im Parkbad. Mit Moderator Simon Gosejohann, am Mikrofon, ehrlichen Worten. Wir wollten hören: Was lief schlecht? Was wünschen sich die Menschen? Was fehlt? Was wurde vernachlässigt? Diese Offenheit war unglaublich wertvoll. Vieles davon floss in unser Konzept ein.

Anna: War der Start schwierig?

Steffen Böning: Es war mehr als nur eine Herausforderung! Wir planten einen Start zum 1. Januar 2014. Doch der Insolvenzverwalter sagte plötzlich: »Wir schließen bereits Ende September 2013.« Das war ein Problem. Weihnachtsgeschäft, Small Stars, Konzerte zwischen den Jahren – das bedeutete für die Weberei traditionell ein extrem wichtiges Quartal. Wenn du dann drei Monate geschlossen bist, verlierst du Publikum, Einnahmen, Vertrauen. Wir entschieden: Wir übernehmen sofort. Auch wenn wir noch nicht bereit waren. Wir gaben eine persönliche Bürgschaft ab – wohlwissend, dass wir im Zweifel privat haften. Im Nachhinein war es richtig.

Anna: Was waren eure wichtigsten Neuerungen?

Steffen Böning: Viele denken ja scheinbar zuerst an Klassiker wie Zappelfete und Co, weil sie Kult sind. Aber solche Traditionen sind eher emotional zu sehen. Sie stützen weder einen Neuanfang noch wirtschaftlichen Erfolg. Unsere eigentliche Aufgabe war: Kulturellen Spirit zurückbringen. Also holten wir, mit großer Unterstützung durch meinen Bruder, Künstler wie Bosse oder Kraftclub – eigentlich eine Nummer zu groß für die Weberei. Aber genau das brauchte es, um zu zeigen: Hier passiert wieder etwas.

In ein Zentrum wie die Weberei passen vielfältige neue Formate, die für unterschiedliche Zielgruppen spannende Erlebnisse bieten. Dazu gehören die Titanic Boygroup, 11 Freunde Live, lokale Musiknächte oder die Crime Night – und natürlich Kaff & Kosmos, unser eigenes Varietéformat, das mit Unterhaltung, Überraschungen und künstlerischer Vielfalt überzeugt. Ostwestfalen sind ja nicht für Risikofreude bekannt. Ein neues Format muss man drei- oder viermal durchhalten, ehe es akzeptiert wird. Aber wenn es funktioniert – dann richtig.

Anna: Gab es Entscheidungen, die du heute anders treffen würdest?

Steffen Böning: Natürlich. Aber das gehört dazu. Wichtig ist, dass man Haltung zeigt, wenn es nötig ist. Die schwierigste Entscheidung war die Kündigung. Wir hatten ein Baustellenkonzept, wir waren vorbereitet, wir wollten transformieren. Aber als klar wurde, dass der Umbau nicht stattfinden würde, brach die Grundlage weg. Wir mussten handeln. Nicht kurzfristig aus der Emotion heraus, sondern mit zwei Jahren Vorlauf – fair für alle Beteiligten und die Stadt Gütersloh.

Anna: Wenn du die Weberei komplett neu erfinden würdest: Wie sähe sie aus?

Steffen Böning: Daran haben wir tatsächlich jahrelang geforscht – mit den Universitäten Detmold und Koblenz.

1. EINE KULTUR-DREHSCHEIBE, KEIN EINZELORT KULTUR MUSS ZU DEN MENSCHEN KOMMEN:

· Veranstaltungen auf Plätzen
· in Kirchen
· in Parks
· vor Seniorenheimen. Corona hat das sehr deutlich gezeigt.

2. EIN NACHHALTIGES GEBÄUDE

Wir hatten am Ende 100.000 Euro Nebenkosten im Jahr. Da ist riesiges Potenzial: Dämmung, Photovoltaik, Belüftung, Klima. Nicht »Zero«, aber deutlich nachhaltiger.

3. MODERNE RÄUME FÜR ARBEIT + BEGEGNUNG

Co-Working, Kreativflächen, flexibel nutzbare Bühnen, soziale Begegnungsorte.

4. REGIONALE PRODUKTE

Wir haben den amerikanischen Bierkonzern durch ein regionales Unternehmen ersetzt – das war erst der Anfang, denn Regionalität schafft Identität.

NEUANFANG: DER WEBEREI-BAHNHOF BORGHOLZHAUSEN

Anna: Und nun entsteht ein neuer Ort: der Bahnhof in Borgholzhausen?

Steffen Böning: Genau. Es ist ein Glücksfall. Wir hatten ohnehin begonnen, unsere Formate regional auszurollen – im Rahmen von LWL-Projekten, mit Lesungen, Flohmärkten, Kindertheater on tour. Aber eine eigene Spielstätte fehlte. Und dann stand dieser Bahnhof plötzlich da: mit Bühne, Gastronomie, Räumen, Charme. Er stand leer, aber die Substanz ist gut. Wir müssen nicht bei Null anfangen – aber natürlich wird viel modernisiert. Der Name? »Weberei Bahnhof«. Die Weberei bleibt in Gütersloh, aber unsere »Marke« steht inzwischen für kulturelles Verweben – von Menschen, Ideen, Orten. Ein Bahnhof ist dafür der perfekte Ort.

Anna: Nehmt ihr eure Formate quasi mit nach Borgholzhausen?

Steffen Böning: Nicht eins zu eins. Aber das Konzept bleibt: Kultur, die verbindet. Kultur, die niedrigschwellig ist. Kultur, die man alleine besuchen kann – und trotzdem nicht alleine bleibt. Bingo ist ein gutes Beispiel. Das ist längst nicht mehr »Rentnerprogramm«. Junge Leute, Cliquen, Einzelpersonen – alle kommen, alle reden miteinander. Lesungen, Musik, Varieté, Kleinkunst – all das passt hervorragend in diese neue Location.

AUSBLICK

Steffen Böning wirkt beim Blick nach vorne nicht wehmütig, sondern gelassen und entschlossen. Die Weberei in Gütersloh wird sich verändern, vielleicht neu erfinden. Der neue Weberei-Bahnhof wird wachsen. Das eine schließt das andere nicht aus. Im Gegenteil: Es fühlt sich an, als würde hier ein kulturelles Netzwerk entstehen, nicht weniger als ein neues Kapitel westfälischer Kulturgeschichte. Gemeinnütziges Engagement – »Kultur und Gesellschaft zurückgeben«

Anna: Steffen, du bist ja nicht nur beruflich aktiv, sondern auch ehrenamtlich. Kannst du uns ein paar Einblicke geben?

Steffen Böning: Ja, ich engagiere mich gerne außerhalb des Berufs. Ich bin im Vorstand eines Tennisvereins, Schöffe am Jugendgericht, unterstütze Fördervereine an Schulen und bin auch politisch interessiert. Mir ist wichtig, dass man nicht nur einen Job hat, sondern auch schaut, wo man ehrenamtlich oder in der Nachbarschaft etwas bewirken kann – Projekte wie die Vesperkirche, bei der ich die Ehre habe im Steuerkreis mitzuwirken, sind da ein gutes Beispiel.

Anna: Gibt es ein Projekt, das dir besonders am Herzen liegt?

Steffen Böning: Ein schönes Beispiel ist »Orte der Wärme« während der Energiekrise. Wir haben in Gütersloh Orte eingerichtet, an denen Menschen sich aufwärmen konnten – mit Tee, Kaffee und kleinen Snacks. Solche Projekte erfordern Organisation und Netzwerk, aber es ist großartig, Menschen direkt helfen zu können.

Anna: Das klingt nach direkter Sozialkultur.

Steffen Böning: Genau. Viele denken, Subkultur gehe nur um Partys. Dabei geht es um Begegnungen und Inklusion. Ein Beispiel ist die Rollstuhlfahrerdisco »Paradance«: Menschen, die sonst wenig Sichtbarkeit haben, erleben Freude und Gemeinschaft. Solche Projekte zeigen, dass man mit Engagement wirklich etwas bewirken kann, gerade da, wo sonst keine Lobby ist.

SCHLUSSWORT

Steffen Böning: »Man macht so etwas wie die Weberei nicht zwölf Jahre lang, um am Ende zu sagen: »Das war’s.« Kultur braucht Orte. Menschen brauchen Orte. Und Orte brauchen Visionen. Wir machen einfach weiter – an einem neuen Bahnhof mit neuen Ideen. Die Geschichte geht weiter.«