TEXT: REGINA MEIER ZU VERL · FOTOS: VOLKSHOCHSCHULE GÜTERSLOH, STADTARCHIV GÜTERSLOH
Wer heute an der Hohenzollernstraße 43 vorbeigeht, sieht ein stattliches, ruhiges Gebäude, das wirkt, als hätte es alle Zeit der Welt. Kaum zu glauben, dass dieses Haus einmal »seitab vom Getriebe des Tages« lag – so beschreibt es der alte Bauplan, als hier 1893 das Königlich-Preußische Lehrerseminar eröffnet wurde. Damals hieß die Straße noch Neue Reihe und war Randlage. Heute pulst die Stadt darum herum, doch im Inneren steckt bis heute genau das, wofür es einst gebaut wurde: Lernen, Neugier, Zukunft.

DER ANFANG
Am 10. September 1893 feierte Gütersloh die Einweihung des neuen Lehrerseminars. Ein großes Haus, bestens ausgestattet – mit Aula, sogar mit eigener Orgel. Angeschlossen war eine Seminar-Übungsschule, rund 180 Kinder lernten dort; viele kamen aus dem Bereich der Altstadtschule. Der Direktor wohnte übrigens gleich nebenan, im Gartenhaus des Schuldieners – heute die Nummer 45. Bis 1925 wurden hier etwa 1.200 Lehrer ausgebildet. Dann änderte sich die Lehrerausbildung, das Seminar wurde geschlossen – aber still wurde es im Haus nicht.
DIE SCHULE ZIEHT EIN – UND VIELE ANDERE GLEICH MIT
Elternvertreter setzten durch, dass das Gebäude weiter genutzt wurde: Die evangelische Knaben-Mittelschule zog ein, später kamen die Pestalozzi-Schule und die Volksbücherei dazu. Zwischen 1925 und 1930 lernten 160 bis 200 Schüler in sechs Klassen hier, und kurz vor dem Krieg waren es bereits etwa 600 Jungen.


KRIEGSZEITEN – UND EIN SCHWIERIGER NEUBEGINN
Im Zweiten Weltkrieg diente das Gebäude zeitweise als Lazarett. Unterricht war gegen Ende kaum noch möglich. Am 15. April 1945 besetzten amerikanische Truppen die Schule – sie blieben bis September desselben Jahres. Schon im November 1945 aber begannen die ersten Unterrichtsstunden wieder.
Das Haus füllte sich, es herrschte Schichtbetrieb – ab 1952 sogar im Wechsel mit der neu gegründeten Mädchen-Mittelschule. 33 Klassen mit über 1.200 Schüler*innen: Das Gebäude war eine kleine Welt für sich. 1966 kam eine dritte Realschule dazu, ebenfalls nur vorübergehend. Und bis 1982 war die Freiherr-vom-Stein-Realschule hier zuhause, ehe sie an die Austernbrede umzog. Danach folgten Berufsschulen, und 1985 zog die erste Gütersloher Gesamtschule ein.
VOM DENKMAL ZUM LERNORT FÜR ALLE
Seit 1984 steht das Haus unter Denkmalschutz. 1990 wurde es schließlich zur alleinigen Heimat der Volkshochschule – und damit begann ein neues Kapitel, aber durchaus im Geiste der Vergangenheit. In den Jahren 1995/1996 wurde die Fassade originalgetreu saniert. Die Aluminiumfenster verschwanden wieder zugunsten schöner Holz-Nachbauten. Bei den Arbeiten fand man historische Wandmalereien und setzte sie sorgfältig instand. 1997 war die Aula an der Reihe, und 2005 kam ein Fahrstuhl und eine Cafeteria hinzu – damit wurde das alte Haus endgültig barrierefrei und modern zugleich.


EIN ROTER FADEN
So viele Nutzungen, so viele Epochen – und doch ein gemeinsamer Kern: Das Gebäude an der Hohenzollernstraße 43 war immer ein Haus des Lernens. Ein Ort, an dem Menschen neugierig waren, sich entwickelten und weitergingen. Genau das spürt man auch heute noch, wenn man durch die Tür der VHS tritt.





