Wir sind CarlMakesMedia
a
  • 24.02.2026
  • Ausgabe 120
  • RegioCarl

AUS OBJEKTEN WERDEN GESCHICHTEN

HOMESTORY BEI DER PUPPENSPIELERIN PETRA HILMER
Regina Meier zu Verl Redakteurbild

Regina Meier zu Verl

Content-Redakteurin

TEXT: REGINA MEIER ZU VERL · FOTOS: MATTHIAS KIRCHHOFF

Der Picknickkoffer steht griffbereit. Daneben liegen Dinge, die andere achtlos in der Küchenschublade lassen würden: Besteck, Stoffreste, ein Holzlöffel. In ihren Händen jedoch werden sie zu Figuren, zu Charakteren, zu Geschichten. Eine Kuchengabel trägt plötzlich ein silbernes Kleid, eine Krone funkelt im Licht – und schon ist sie da: eine Prinzessin. So entstehen erste Ideen zu ihren Stücken. Zunächst spielerisch, aus dem Moment heraus. Schon lange begleitet sie das Puppenspiel – von Kindheit an. Ursprünglich ausgebildet als Erzieherin, später tätig als Heil- und Naturpädagogin, lief das Theater viele Jahre parallel zum Beruf.

Im Beruf war das Theater für und mit Kindern über viele Jahre Teil ihrer Arbeit. Eine Doppelspur, die Kraft kostete – und doch nie losließ. Die Ausbildung zur Puppenspielerin absolvierte Petra Hilmer bereits 2003 auf dem Hof Lebherz. Reduzierte Arbeitsstunden, kleinere Auftritte bei Festen und Geburtstagen hielten die Leidenschaft am Leben. Aber erst 2022 fiel die Entscheidung: Wenn nicht jetzt, dann nie. Sie wagte den Schritt und machte das Puppenspiel zum Mittelpunkt ihres Arbeitens und gründete ihre mobile Bühne »ALLERMAER«.

Was sie auf die Bühne bringt, entsteht fast immer aus Materialien, die bereits ein Leben hinter sich haben. Flohmärkte, Kleinanzeigen, Fundstücke – alles wird gesammelt, gesichtet, neu gedacht. Sie weiß oft sofort, was daraus werden kann. Dann entstehen Figuren, die nicht perfekt sind, aber lebendig, passgenau und stimmig miteinander verbunden. Beim Märchen „Der Froschkönig“ wird Besteck zum Hofstaat, eine grüne Stoffstulpe – der Handpuppe eines Bücherwurms übergestülpt, der die Geschichte erzählt – zum Frosch, Holz zu Dienern. Erzählen und Spielen wechseln sich ab, manchmal spricht erst die Geschichte, dann die Hände. Das Märchen von der Steinchenhexe hat Petra Hilmer selbst geschrieben – wenn sie es aufführt, trägt sie selbst das Kostüm der Steinchenhexe.

Märchen als lebendiges Kulturgut Märchen spielen für Petra Hilmer eine besondere Rolle. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Überzeugung. Sie begreift sie als gemeinsames Kulturgut, als sprachlichen Schatz, der weitergegeben werden will. Die alten Prosawörter, die Melodie der Sprache, die Lebensweisheiten, die im Märchen stecken, ohne Kinder dabei zu überfordern. Märchen dürfen alt sein und trotzdem heute wirken. Neben den klassischen Stoffen schreibt sie eigene Texte und Reime und verbindet sie mit altem Liedgut, das sich organisch in ihre Inszenierungen einfügt.

Stimme, Natur und Reduktion

Ihre Stimme ist dabei ein zentrales Werkzeug. Sie liebt es, mit den vielschichtigen Klangfarben ihrer Stimme zu spielen, um ihren Figuren Charakter zu verleihen. Seit der Kindheit singt sie, zunächst im Kirchenchor, später in modernen Chören und Bands. Heute singt sie in der Band Aut Idem – in deren Proberaum sie uns eine kurze Kostprobe ihrer ausdrucksstarken Stimme gab – und nahm über viele Jahre Gesangsunterricht. Musik, Theater und Puppenspiel gehören für sie untrennbar zusammen. Auch die Arbeit mit dem Clown, Workshops und Seminare fließen ein – ebenso wie die Erfahrung aus mehreren. Jahren im Waldkindergarten. Die Nähe zur Natur, das Arbeiten mit organischen Materialien und das Reduzieren auf das Wesentliche prägen ihre Bühnen.sthetik deutlich.

Besonders sichtbar wird das im Märchen der vier Stadtmusikanten: Wenige Stoffteile, Holz, klare Formen – mehr braucht es nicht. Jede Figur ist überarbeitet, gealtert und umgestaltet, bis Blick und Bewegung stimmen. Augen müssen glänzen, Münder sprechen können. Alles andere ist Beiwerk. Ihr Theater trägt einen Namen, der Programm ist: Allermaer – von allem ein bisschen, offen für Geschichten jeder Art. Öffentliche Auftritte wechseln sich mit geschlossenen Veranstaltungen ab, gespielt wird an ungewöhnlichen Orten ebenso wie bei Figurentheatertagen. Beworben wird bewusst persönlich: über Instagram, über Weiterempfehlungen, über gewachsene Netzwerke. Eine Website soll folgen – irgendwann, wenn Zeit und Ruhe dafür da sind.

Am Ende steht wieder der Koffer. Er lässt sich schließen, tragen, öffnen – immer wieder. Und jedes Mal zeigt sich: Es braucht nicht viel, um eine Welt entstehen zu lassen. Man muss nur genau hinsehen.

Als wir den alten Bauernhof wieder verlassen, begleitet uns das Gefühl, an einem besonderen Ort gewesen zu sein. Nicht laut, nicht inszeniert – sondern ruhig, konzentriert, voller Ideen. Petra Hilmer empfängt ihre Gäste so, wie sie auch ihre Geschichten entstehen lässt: aufmerksam, offen und mit einem feinen Gespür für das, was gerade da ist. Vielleicht ist es genau das, was ihre Arbeit so berührend macht. Man geht mit dem Eindruck, dass es nicht viel braucht, um Welten zu öffnen – manchmal reicht ein Koffer, ein paar Hände und jemand, der genau hinsieht.