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  • 25.03.2026
  • Ausgabe 121
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QUER GELESEN #2

WEITERE EINBLICKE IN DIE GESCHICHTE DER GÜTERSLOHER SOZIOKULTUR
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TEXT: WOLFGANG HEIN | FOTOS: MATTHIAS KIRCHHOFF

Die Webereizeitungen aus den 80er und 90er Jahren spiegeln die Blütezeit der Soziokultur. Sie beweisen, welche tollen Musiker*innen das Publikum mit ihren Talenten erfreuten, wer mit seinen tänzerischen Einlagen begeistern konnte. Und wie man Chaos kreativ bändigen kann. Wir haben uns noch einmal den großen Stapel der alten Webereizeitungen vorgenommen, den das Team vom »Kultkram« beim Ausfegen der Weberei sichergestellt hatte. Auch beim zweiten Durchblättern geben sie überraschende und wertvolle Einblicke in die Umbrüche in einer erinnerungsreichen Zeit. Die Reaktionen unserer Leserschaft bestätigen, dass wir richtig liegen, wenn wir an dieser Stelle wertschätzend das Denken und Fühlen vieler Menschen ins Gedächtnis zurückrufen.

DEZEMBER 1987

Projekte im Umwelt- und Naturschutz sollen Schwerpunkte im Angebot des ein Jahr zuvor gegründeten Vereins Arbeitslosenselbsthilfe Gütersloh (ASH) werden. Im Projekt »Ökologisches Bauen« arbeiten junge Erwachsene im Alter von 18 bis 25 Jahren an einem kleinen Häuschen, das nach ökologischen Gesichtspunkten errichtet wird: Mit Fachwerkständern, Ausfachungen aus Lehm, begrüntem Dach und schadstoffarmen Holzschutzmitteln.

MÄRZ 1991

Nach der Invasion des Irak in Kuwait (2. August 1990) und Gegenschlägen der multinationalen Operation Desert Storm (17. Januar bis 5. März 1991) veröffentlicht die Weberei den Aufruf des Bundesverbandes »Die Verbraucherinitiative«, »Kein Krieg für Öl«. Darin werden fünfzig deutsche Unternehmen aufgeführt, die Rüstungsgüter an den Irak geliefert haben sollen, aber auch Konsumgüter produzieren. »Verzichten wir beim Einkauf auf Produkte von Firmen, die am Golfkrieg mitverdienen,« heißt es dort. Boykottiert werden sollen etwa Kassettenrecorder der Marken Philips und Grundig sowie Kühlschr.nke von AEG, Bauknecht, Neff und Elektrolux.

JUNI 1991

Mit fetten Überschriften »Kultur statt Qualm« und »Gütersloh stinkt gut« wirbt die in der Weberei ansässige »Werkstatt für Kulturarbeit« für das Musikfestival »Tanz auf dem Vulkan«. Damit wird gegen die Müllverbrennungsanlage im Bereich Carl-Zeiss-Straße/ Hülsbrockstra.e östlich der B 61 protestiert. »Wenn Luft, Wasser, Boden und unsere Lungen erst einmal vergiftet sind, wird es schwer, sich zu amüsieren,« heißt es. Damit das Festival für alle billig wird, soll eine Vielzahl an Helfern Arbeiten übernehmen.

APRIL 1993

Miele-Erich stirbt im Alter von 78 Jahren. Der ehemalige Langzeitpatient des Landeskrankenhauses war Oberkellner, Maskottchen, Animateur, Entertainer und Weberei-Original. »Seine Kugelschreiber trug er wie Orden an der Brust,« schreibt die Hauszeitung. Er sei ein Star der Szene geworden, oft belächelt, bisweilen hämisch begrinst. Ihn focht das nicht an. Die Geschichte seiner Wiedereingliederung ist einmalig. Erich hat bewiesen, dass jedes Schicksal gemeistert werden kann.

SOMMER 1993

Die Webereizeitung macht sich zum Sprachrohr der MVA-Gegner, denn es besteht der Verdacht, das vom Kreis Gütersloh beauftragte umstrittene US-Unternehmen »Waste-Management« wolle sich dort einen Standort sichern, der »über den Entsorgungsbedarf des Kreises hinausgeht«. Das Unternehmen plane dort einen privatwirtschaftlichen Entsorgungsbetrieb. Der Gütersloher Protest entzündet sich an der Nähe der MVA zu Wohnsiedlungen, an der Höhe des Schornsteins von nur 44 Metern und der ökologischen Unverträglichkeit des Projektes. Vor allem würden giftige Dioxine und Schwermetallstäube in die Umwelt geblasen. Nach ausführlichen Protesten stoppt das Landesverfassungsgericht NRW das Vorhaben.

MAI 1994

Ein schlechter Ruf ist besser als gar keiner. Und ist der erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. In dieser Ausgabe setzt Anke Knopp dem »Fatalpornograf« genannten Professor und damaligen Kulturpapst Tim Ulrichs kräftig zu, setzt sich mit seinen »Ferkeleien« auseinander. Denn der renommierte Künstler soll mit seiner Ausstellung »Kunst & Leben« und dem dazu erschienenen Katalog übers Ziel hinausgeschossen sein: »Seine animalische Sexualität lässt keine Wünsche offen. Der rechte Schenkel Kunst ist geistiger Luxus. … Die altbekannte Idee, Kunst und Pornografie zu verbinden, hat er lustlos umgesetzt: – Eine Welt der Langeweile auf gespreizten Beinen«.

OKTOBER 1994

Für die Festwoche anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Alten Weberei übernimmt Ministerpräsident Johannes Rau die Schirmherrschaft. Gratulationen kommen von der Jungen Union – »Seit zwei Jahren nennen wir die Alte Weberei unser Zuhause«, dem Verein ausländische Minderheiten – »Hier wird richtige Demokratie in Wort und Aktion wahr«. Für Prof. Klaus Dörner »ergaben sich vielfältige Formen der Zusammenarbeit«, die Begegnungsstätte Zweischlingen gratulierte mit einer Zeichnung voll fröhlicher diverser Menschen. Auch Gründungsmitglied Ingrid Tiedtke- Strandt ist enttäuscht: »Da hat sich die Macht der Mitarbeiter durchgesetzt«.

SOMMER 1995

»Was waren Sie in Ihrem früheren Leben?« fragt ein Standbetreiber auf der Esoterikmesse »Unita«. Dem unbedarften Besucher sollen schon beim Eintritt die Sinne geschwunden sein, angesichts der befremdlichen Geruchsmischung aus Krankenhaus, Parfümerie und Kirche. So schreibt es Autor »noni« in einer Glosse und verweist im Weiteren auf ein Angebot für »Lichte Nahrung«. Die erspare nicht nur das Kochen, sondern auch Klopapier. Angesichts der schlechten Bilanz, die der Trägerverein vorlegt, und der drohenden Aberkennung der Gemeinnützigkeit von Diskoveranstaltungen plädiert ein Berichterstatter für »Mehr Saufen für Kultur«.

DEZEMBER 1995

Eine »Notausgabe« der Hauszeitung fragt auf dem Titel »Sind wir noch zu retten?« und weist damit auf die Existenznöte des Kulturzentrums hin. Als reales Abbild der Wirklichkeit macht sie schwarz auf weiß deutlich: Die Weberei ist finanziell am Ende. Und damit vor allem ihre Zeitung, die ihre jugend-, frauen- und alternativbewegte Existenz einstellen muss.

1996

Die Stadt beendet die turbulente erste Phase der Weberei-Existenz. Peter Vermeulen, einst Mitgründer des Betreibervereins und inzwischen als Unternehmensberater im Kulturbereich tätig, übernimmt für eine Interimszeit die verantwortliche Gesch.ftsführung. Die Verbesserung des Betriebskonzeptes ist seine Aufgabe. Aber die Hoffnungen, die Politik, Mitarbeitende, Bürger und Gäste darauf gesetzt hatten, werden nicht eingelöst.