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  • 24.02.2026
  • Ausgabe 120
  • RegioCarl

CAFE TALK PART 6

GÜTERSLOH OHREN AUFGEMACHT
CarlMakesMedia Redakteurbild

CarlMakesMedia

TEXT UND FOTOS: CARLMAKESMEDIA

Es gibt Menschen, die nicht abwarten, bis etwas möglich gemacht wird, sondern Verantwortung übernehmen und handeln. Menschen, die gestalten, investieren und dranbleiben – auch dann, wenn es unbequem wird. Beim CaféTalk interessieren uns genau diese Persönlichkeiten: jene, die Haltung zeigen, Entscheidungen treffen und ihre Stadt über Jahre hinweg prägen. Willkommen beim sechsten CaféTalk – wo alles zur Sprache kommt, wenn man sich mit außergewöhnlichen Menschen auf einen Kaffee trifft und sich offen und ungezwungen austauscht. Der sechste Gast für unsere Talkrunde sollte jemand sein, der nicht verwaltet, sondern ermöglicht. Einer, der sich einmischt, Widerspruch aushält und Verantwortung nicht delegiert. Und da kommt nur eine Person infrage. Matthias Markstedt – Unternehmer, Ehrenamtler und Gestalter. Prägende Figur der Gütersloher Sozio- und Subkultur, Motor des Wapelbads und jemand, der Kultur nicht fordert, sondern möglich macht. Einer, der investiert, Konflikte nicht scheut und langfristig denkt. Ein Gespräch über Engagement und Haltung, über Ehrenamt auf professionellem Niveau – und darüber, was entsteht, wenn Menschen Verantwortung wirklich übernehmen.

Anna: Matthias, bevor wir gleich in die großen Themen einsteigen – wir haben gerade schon ein bisschen locker gesprochen, über Tee, über das Wapelbad, über Sommer und Veranstaltungen. Aber für alle, die dich vielleicht nicht kennen: Kannst du einmal ganz in Ruhe erzählen, wer du bist, wo du herkommst und wie dein Weg eigentlich angefangen hat?

Matthias: Ja. Also ich bin Matthias Markstedt, geboren 1961 hier in Gütersloh. Ich bin Elektroingenieur, habe meine Diplomarbeit bei Miele gemacht und mich danach selbstständig gemacht. Ich habe dann 1996 die Firma »Energetik Solartechnologie Vertrieb GmbH« gegründet und 2001 auch noch GT-Solar GmbH. Ich habe diese Unternehmen über viele Jahre aufgebaut, und betrieben, und zur richtigen Zeit an den »Eon-Konzern« verkauft. Das war mein eigentliches Berufsleben. Parallel dazu war ich aber immer schon kulturell aktiv, ehrenamtlich, in Jugend- und Kultursachen. Und irgendwann bin ich dann – eher ungeplant – beim Wapelbad aus Gütersloh gelandet. Heute bin ich offiziell Pensionär, aber ehrlich gesagt beschäftige ich mich immer noch jeden Tag mit diesen Themen.

Anna: Wie waren damals deine ersten Anfänge in der Öffentlichkeit, als du bekannt geworden bist?

Matthias: Das war in meiner frühen Anfangsphase und hat mit dem damaligen WebTV-Sender »GüterslohTV« zu tun. Damals habe ich zusammen mit Peter Bunnemann und Matthias Kirchhoff im Expo3, einem hochwertigen Secondhand-Laden in der Hohenzollernstraße, in Gütersloh, ein Interview gegeben – mit Videoaufzeichnung für das Internet. Das ist schon ewig lang her, ich weiß nicht mal mehr genau das Datum, aber ich weiß noch das Peter Bunnemann, damals schon in einer kleinen Ecke des Ladens, einen extrem leckeren Kaffee gekocht hat.

Inhaltlich ging es um den damaligen Förderverein der Weberei. Der Verein war kurz zuvor pleitegegangen – das war noch in der Zeit, wo die Parisozial, mit Dörte Roschinski als Betriebsleiterin, Träger der Weberei war – und es herrschte erst einmal eine gewisse Ruhe, aber gleichzeitig auch völlige Unklarheit darüber, wie es weitergehen sollte.

Dieses Gespräch war mehr als nur ein Interview für GüterslohTV. Das war der Moment, in dem das Thema öffentlich wurde. Ich habe dort sehr klar gesagt, dass die Weberei eine chronisch unterfinanzierte Bruchbude ist.

Ab dem Zeitpunkt war ich nicht mehr nur jemand, der ehrenamtlich irgendwas macht, sondern jemand, der öffentlich Kritik übt. Das hat man mir sehr deutlich übelgenommen.

Anna: Weißt du noch, worum es konkret ging?

Matthias: Ja, ziemlich genau. Es ging um die Frage, wer Verantwortung für die Weberei übernehmen kann und soll. Damals stand unter anderem eine Genossenschaftslösung im Raum, auf die ich mich auch beworben habe. Parallel dazu liefen ab etwa 2010 bis 2012 intensive Diskussionen über die Zukunft der Weberei und über Kulturfinanzierung insgesamt in Gütersloh. Ich habe damals mit Peter Bunnemann gewettet, dass ich die Weberei mit einer Genossenschaft betreiben kann. Die Wette habe ich leider verloren, denn ab 2013 bekam den Zuschlag die »Bürgerkiez gGmbH« mit den Brüdern Steffen und Tim Böning. Zur Strafe wurde ich von Peter Bunnemann geteert und gefedert aus der Stadt gejagt – das kommt davon, wenn man seine Klappe nicht hält – seitdem mache ich einen großen Bogen um die Weberei.

Vielleicht noch einmal Spaß beiseite. Ich habe damals sehr deutlich gesagt: Wenn wir Millionenbeträge ins Theater stecken, aber für Jugend- und Subkultur nur ein paar Hunderttausend Euro übrig sind, dann passt da etwas grundsätzlich nicht. Diese Aussagen haben für ordentlich Wirbel gesorgt.

Das war auch der Punkt, an dem es direkt mit Andreas Kimpel Konflikte gab. Er war als Kulturverantwortlicher natürlich in der Rolle, diese Geldmittel-Verteilung zu verteidigen. Danach gab es Beschwerden über meine Aussagen, und ich habe sehr schnell und klar gemerkt: Diese Art von Kritik wohl besser nicht öffentlich stattfinden sollte. Aber es musste damals einfach mal gesagt werden.

Anna: Und das blieb nicht ohne Konsequenzen?

Matthias: Nein, ganz und gar nicht. Ich wurde daraufhin sogar zur damaligen Bürgermeisterin Maria Unger zitiert. Da saßen dann mehrere Leute mit im Raum, unter anderem aus Verwaltung und Politik, und ich habe mich gefragt: Was wollt ihr eigentlich von mir? Ich habe ja nichts anderes gemacht als laut ausgesprochen, was die meisten Gütersloher gedacht haben – nämlich dass die Prioritäten in der Kulturpolitik nicht ausgewogen sind. Im Nachhinein kann man sagen: Die Diskussion war unangenehm, aber notwendig. Mittlerweile haben Andreas Kimpel und ich uns bei einer leckeren Linsensuppe versöhnt und duzen uns seit dem.

Anna: Wann hast du gemerkt, dass du nicht nur hier wohnen willst, sondern auch gestalten möchtest?

Matthias: Eigentlich schon sehr früh. Ich bin in Gütersloh groß geworden, St. Pankratius, katholische Jugendarbeit – wir haben damals schon coole Discos organisiert. Später bin ich über Herz- Jesu-Avenwedde weitergezogen mit regelmäßiger Sonntags-Disco, dann kamen größere Veranstaltungen dazu. Davon gab es auch einen Verein, dessen Vorsitzender ich war.

Relativ früh hatte ich auch Kontakt zur Weberei, habe dort mitgemacht, später mit anderen zusammen Projekte wie »House im Kesselhaus« mit aufgebaut. Musik, Veranstaltungen, Kultur – das war immer Teil meines Lebens. Im Wapelbad ist das dann noch intensiver geworden. Wir haben sonntags Konzerte gemacht, ich habe sogar einen »Führerschein« für ein digitales Mischpult gemacht, um Bands selbst abmischen zu können. Das hat riesigen Spaß gemacht. Das waren großartige Veranstaltungen – und da habe ich gemerkt: Das ist genau mein Ding.

Anna: Du sagst »ungeplant beim Wapelbad gelandet«, aber wenn man dir zuhört, klingt das nach einer sehr bewussten Entscheidung. Wie kam es konkret dazu, dass du dich überhaupt mit dem Wapelbad beschäftigt hast?

Matthias: Der Auslöser war Günter Klauke. Der Mann hat 18 Jahre lang das Jugendzentrum an der Kaiserstraße geleitet und später bei der Stadt als Jugendgerichtshelfer gearbeitet. Er hatte ein unglaubliches Netzwerk. Auf seinem Geburtstag hat er zu mir gesagt: »Wir würden im Wapelbad gern Beachvolleyball haben.« Damals wurde das Wapelbad noch von der Weberei betrieben. Ich bin dann hingefahren, habe mir das Gelände angeschaut – und gesehen, dass da gerade ein neues Café entstehen sollte, aber noch ein kompletter Rohbau war.

Anna: Und dann bist du direkt eingestiegen?

Matthias: Ja. Ich habe relativ schnell gesagt: Okay, das unterstütze ich. Ich habe das Beachvolleyballfeld gespendet und insgesamt rund 20.000 Euro eingebracht, damit der Café-Bau überhaupt winterfest wird. Das Problem war aber: Das Geld ist zweckentfremdet worden. Es wurde benutzt, um eine riesige Bierrechnung zu bezahlen – und das Geld war weg! Kurz darauf war der damalige Förderverein pleite. Und da standen wir dann wieder mit Nichts.

Anna: Das klingt nach einem Moment, wo viele gesagt hätten: Dann eben nicht. Warum hast du weitergemacht?

Matthias: Weil ich das Gelände gesehen habe. Und weil ich wusste, was da für ein Potenzial drinsteckt. Wir haben uns dann samstagsmorgens mit sieben Leuten zusammengesetzt und gesagt: Okay, wir gründen einen neuen Verein. So ist der Förderverein »Wapelbad« entstanden. Unser Ansatz war ganz klar: Wir machen alles selbst. Ohne große Erwartungen an die Stadt.

Anna: Und trotzdem hat euch die Stadt das Wapelbad überlassen.

Matthias: Ja, erstaunlicherweise sehr schnell. Ich habe beim damaligen Kulturdezernenten Andreas Kimpel angerufen und gesagt: »Wir haben einen Verein gegründet und wollen das Bad betreiben.« Innerhalb einer Woche wurde dem Verein das Wapelbad überschrieben. Das ging auch nur, weil Günter Klauke dabei war und bei der Stadt Vertrauen bestand.

Anna: Das Schwimmbecken selbst war ja schon da, oder?

Matthias: Ja, seit 1969. Früher durfte man sogar in der Wapel, ein Nebenfluss der Dalke, schwimmen. Wir haben das Bad dann erst mal wieder klassisch geöffnet – mit Schwimmen, ganz normalem Betrieb. Aber selbst das hat sofort wieder Stress gegeben.

Wasserqualität des Flusses, Landwirtschaft, Beschwerden – das war von Anfang an ein Kampf.

Anna: Wann kam dann der Punkt, an dem ihr gesagt habt: Wir machen Veranstaltungen?

Matthias: Relativ früh. Und damit wurde es richtig schwierig. Die ersten Wapelbeats Events haben sofort massive Reaktionen ausgelöst. Ordnungsamt, Nachbarn, Beschwerden, Klagen. Es hieß ständig: »Verboten, geht nicht, unzumutbar.« Dabei wollten wir die Veranstaltungen nie länger als 23 Uhr spielen. Aber allein das hat gereicht, um jahrelang unter Beschuss zu stehen.

Anna: Wie hat sich das für dich persönlich angefühlt?

Matthias: Extrem zermürbend. Ich habe ständig Briefe bekommen, Androhungen, dass der Laden dichtgemacht wird. Es ging um Zufahrten, um angebliche Vermüllung, um alles Mögliche. Irgendwann habe ich gemerkt: So geht das nicht weiter. Und dann bin ich zur damaligen Stadtkämmerin Christine Lang gegangen.

Anna: Was ist dort passiert?

Matthias: Beim dritten Gespräch hat sie gesagt: Jetzt reicht’s. Sie hat einen runden Tisch organisiert – mit Nachbarn, Ordnungsamt und uns. Und am Ende kam eine klare Regelung heraus: fünf Termine im Jahr bis 23 Uhr.

Punkt. Seitdem haben wir Open-Air Status. Und das war der Wendepunkt.

Anna: Heute gibt es Wapelbeats seit vielen Jahren, sehr erfolgreich. Wann hast du gemerkt, dass sich das Ganze wirklich trägt?

Matthias: So richtig Fahrt aufgenommen hat das Ganze ab 2011. Da hat sich das Konzept komplett verändert und plötzlich eine ganz andere Dimension bekommen. Vorher waren das gute, solide Veranstaltungen, aber ab da ist es regelrecht explodiert. Der entscheidende Punkt war, dass wir mit dem Holi-Festival-Konzept angefangen haben. Das war damals in der Region etwas völlig Neues und hat genau den Nerv der Zeit getroffen – vor allem bei einem jüngeren Publikum.

Ab dem Moment waren die Veranstaltungen innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Wir reden da nicht mehr über ein paar Hundert Leute, sondern über mehrere Tausend Besucher. Teilweise waren die Tickets nach wenigen Minuten weg. Das hatte eine enorme Sogwirkung: auf das Wapelbad selbst, auf Wapelbeats als Marke und auch auf das gesamte Umfeld. Plötzlich wussten Leute weit über Gütersloh hinaus, was da im Sommer passiert.

Anna: Wow – und wie ging‘s dann weiter?

Matthias: Zwischen 2013 und 2019 hatten wir dann mehrere große Veranstaltungen pro Jahr, die logistisch, organisatorisch und finanziell auf einem ganz anderen Level waren. Da ging es um große Bühnen, professionelle Technik, Sicherheitskonzepte, Sanitätsdienste, Einlassstrukturen – also richtiges Festivalniveau. Das war kein Hobby mehr, das war Arbeit auf professionellem Veranstalterniveau, nur eben komplett ehrenamtlich organisiert.

Und ganz wichtig dabei ist: Wir haben nie einen Cent Zuschuss von der Stadt Gütersloh bekommen.

Alles, was dort passiert ist, wurde selbst finanziert. Jeder Euro, der ins Wapelbad geflossen ist – sei es für Technik, Infrastruktur, Gelände, Organisation oder Weiterentwicklung – kam aus eigenen Einnahmen oder aus privatem Engagement. Es gab keinen städtischen Rettungsschirm, keine regelmäßige Förderung, nichts.

Diese Veranstaltungen haben das Wapelbad letztlich wirtschaftlich überhaupt erst tragfähig gemacht. Ohne diesen Boom durch das Holi-Festival und die darauffolgenden Wapelbeats hätte man den laufenden Betrieb so nicht halten können. Das war der Punkt, an dem klar wurde: Entweder wir ziehen das konsequent durch – oder das Projekt hätte keine Zukunft.

Anna: Das konntest du dir leisten, weil du unternehmerisch unabhängig warst?

Matthias: Genau. Die Solarfirma haben wir vor über 30 Jahren gegründet. Irgendwann war ich operativ raus, später nur noch Gesellschafter. Das Geld, das wir dort verdient haben, haben wir bewusst ins Wapelbad gesteckt. Insgesamt sind rund 500.000 Euro aus der Solarenergie dort reingeflossen. Das war eine politische und persönliche Entscheidung.

Anna: Du betonst immer wieder das Ehrenamt. Wie wichtig ist das wirklich?

Matthias: Das ist der Kern von allem. Rund 50 Menschen arbeiten ehrenamtlich fürs Wapelbad. Meine Frau Anette ist Schatzmeisterin, Simon Drosten führt das Projekt weiter – ebenfalls ehrenamtlich. Wenn du das hochrechnest: 15 Jahre, locker 15.000 Stunden. Als Ingenieur gerechnet sind das über 1,5 Millionen Euro unbezahlte Arbeit.

Anna: Simon Drosten ist heute dein Nachfolger. Wie siehst du seine Rolle?

Matthias: Simon ist für mich der logische Nachfolger. Wir haben das zusammen aufgebaut, von Anfang an. Er war nicht irgendwann plötzlich da, sondern ist über Jahre in die ganze Struktur hineingewachsen. Am Anfang lief vieles über mich, über meine Erfahrung, meine Kontakte, mein dickes Fell. Aber Simon hat sich Schritt für Schritt alles selbst erarbeitet.

Er hat die Veranstaltungsabläufe gelernt, den Umgang mit Behörden, mit Dienstleistern, mit Künstleragenturen. Vor allem hat er gelernt, wie man mit den ganzen Konflikten umgeht, die dazugehören – Beschwerden, Auflagen, Diskussionen mit der Stadt. Das ist nichts, was man aus einem Buch lernt, das muss man erleben.

Was ich an ihm besonders schätze, ist seine Ruhe. Er ist sachlich, bleibt gelassen, auch wenn es stressig wird. Und er hat inzwischen genau die Kontakte, die man braucht, um so ein Projekt auf diesem Niveau weiterzuführen. Er kann heute bei Agenturen anrufen, bei denen wir früher kaum ernst genommen wurden, und wird gehört.

Wichtig ist auch: Simon macht das genauso wie ich ehrenamtlich. Er macht das neben seinem eigentlichen Beruf, einfach weil er überzeugt ist, von dem was da im Wapelbad passiert. Das ist nicht selbstverständlich. Ohne solche Leute funktioniert das alles nicht. Und deswegen konnte ich auch irgendwann loslassen und sagen: Das ist jetzt in guten Händen.

EIN THEMA, DAS BLEIBT: DIE WEBEREI

Anna: Wenn wir den Blick vom Wapelbad auf die Weberei richten – du hast dazu sehr klare, auch harte Aussagen getroffen. Warum ist dir das Thema trotzdem noch so wichtig?

Matthias: Die Weberei war über Jahrzehnte ein absolut zentraler Ort für Jugend- und Subkultur in Gütersloh. Dort sind Menschen aufgewachsen, dort haben Bands geprobt, Jugendgruppen Projekte entwickelt, da hat Kultur in ihrer lebendigsten Form stattgefunden. Und genau das ist heute stark bedroht. Die Weberei wurde wohl kaputtgespart, Stück für Stück.

Es fehlen Mittel, es fehlt Vertrauen in die Menschen vor Ort, die die Projekte betreiben, und damit geht nicht nur eine Infrastruktur verloren, sondern ein Stück Geschichte, Identität und Zukunft für junge Menschen. Für mich ist das nicht irgendein Ärgernis – das ist ein echtes kulturelles Defizit, das spürbar macht, wie wenig Wertschätzung und Unterstützung Jugend- und Soziokultur im Vergleich zu Hochkultur erfährt.

In der Weberei wurden über Jahre Entscheidungen getroffen, die das Haus geschwächt haben. Dazu gehören gescheiterte Pächtermodelle, der Umgang mit Rücklagen aus der Corona-Zeit und fehlende Investitionen in offene Kultur. Statt konsequent auf Jugend- und Soziokultur zu setzen, wurde verwaltet – und das reicht nicht.

Anna: Was wäre aus deiner Sicht nötig, damit so ein Ort wieder lebendig und wirksam sein kann?

Matthias: Es braucht drei Dinge gleichzeitig. Erstens Mut – die Verantwortlichen müssen bereit sein, Dinge auszuprobieren und auch mal Risiken einzugehen. Kultur lässt sich nicht mit ängstlicher Verwaltung steuern. Zweitens Vertrauen – die Leute, die dort arbeiten, müssen Freiraum haben, Entscheidungen zu treffen, Projekte umzusetzen und auch Fehler machen zu dürfen, ohne dass sofort alles infrage gestellt wird.

Drittens Geld – und zwar in einem realistischen Rahmen. Mit 200.000 Euro Kulturzuschuss betreibt man keine lebendige Jugendkultur. Dafür braucht man mindestens 500.000 Euro pro Jahr, um Programme, Personal, Technik und alles, was dazu gehört auf einem Niveau zu gewährleisten, das für die jungen Menschen attraktiv ist. Und ganz entscheidend: Man braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen, die vor Ort entscheiden dürfen, und die langfristig planen können. Ohne diese Kombination ist jeder Versuch zum Scheitern verurteilt.

Anna: Würdest du sagen, das Wapelbad funktioniert genau so und ist deshalb erfolgreich?

Matthias: Absolut ja! Wir durften Dinge ausprobieren, Entscheidungen treffen, Fehler machen, daraus lernen und wachsen. Wir wurden nicht bei jedem Schritt ausgebremst, wir hatten Freiräume, wir hatten Verantwortung. Wir mussten uns nichts schönreden oder auf externe Zuschüsse warten, wir haben es selbst in die Hand genommen. Das ist der entscheidende Punkt: Kultur entsteht nicht, weil es Vorgaben gibt, sondern weil Menschen die Freiheit und das Vertrauen haben, sie zu gestalten.

Anna: Wenn du auf Gütersloh insgesamt schaust: Wie siehst du die Zukunft der Kultur hier?

Matthias: Ehrlich gesagt, sehr herausfordernd. Ich sehe viele engagierte Menschen, die versuchen, etwas zu bewegen, aber ohne Orte wie das Wapelbad – oder die Weberei, wenn sie funktionieren würde – gibt es schlicht keine Strukturen, in denen Kultur wirklich entstehen kann.

Kultur entsteht nicht aus Konzeptpapieren, aus Richtlinien oder aus Förderanträgen. Sie entsteht durch Menschen, die bereit sind, zu handeln, die etwas wagen, die sich einbringen. Wie hier, das Café RinNes. Es lebt durch den unaufhörlichen Einsatz der Betreiberin Nesrin, die dieses tolle Café zu einem Stück Kultur am Dreiecksplatz gemacht hat. Wenn wir diese Orte verlieren, verlieren wir den Nährboden für Kreativität, Gemeinschaft und kulturelles Leben.

Anna: Klingt nicht resigniert, aber sehr klar.

Matthias: Genau. Ich bin nicht verbittert, ich habe meinen Teil getan. Das Wapelbad zeigt ja, dass es funktioniert – wenn man den Mut hat, etwas zu machen, Verantwortung übernimmt und Menschen vertraut. Man darf Dinge nicht kaputtreden, man muss sie machen. Und ich hoffe, dass solche Beispiele auch der Weberei wieder Hoffnung geben können.

Anna: Dann vielleicht zum Schluss: Was bleibt für dich persönlich?

Matthias: Die Gewissheit, dass sich das Engagement gelohnt hat. Dass man sehen kann, was möglich ist, wenn man anpackt, wenn man macht, wenn man nicht darauf wartet, dass andere es erlauben. Das Wapelbad ist mein persönlicher Beweis dafür: Kultur lebt, weil Menschen handeln, nicht weil sie darauf warten, dass Bedingungen perfekt sind. Und das ist die Lehre, die ich weitergeben möchte – nicht nur an die nächste Generation im Wapelbad, sondern auch an alle, die sich für die Zukunft der Weberei oder ähnlicher Orte einsetzen.

Anna: Das ist mal ein Apell, und sage somit, vielen herzlichen Dank für das interessante Interview.

Matthias: Ich danke Euch, dass Ihr mich zum CaféTalk eingeladen habt. Hat Spaß gemacht.