FOTOS: CASPAR CRUSE, MATTHIAS KIRCHHOFF | TEXTE: MATTHIAS KIRCHHOFF
Caspar Cruse kam nach Gütersloh, weil er dort seine große Liebe kennenlernte – seine heutige Frau stammt aus unserer Stadt. Bei seinen ersten Fahrten durch Gütersloh fiel ihm sofort auf, wie grau viele Orte wirkten: Dunkle Tunnel, triste Wände, wenig Farbe. Für ihn war klar: Hier muss etwas passieren. Die Stadt könnte heller, freundlicher und lebendiger sein.

Diese Idee entstand nicht zufällig. In den Niederlanden hatte Caspar bereits ähnliche Projekte umgesetzt, unter anderem an einem Ort nahe dem Bahnhof von Veenendaal. Dort bezog er die Anwohner aktiv in seine Kunst ein. Er fragte sie, was sie mit dem Ort verbinden, welche Geschichten oder Gegenstände ihnen wichtig sind. Aus diesen Ideen entwickelte er gemeinsam mit den Menschen vor Ort ein Design, das anschließend umgesetzt wurde. Das Ergebnis: Die Menschen identifizierten sich mit dem Kunstwerk und sagten stolz: »Das ist unser Tunnel.« Genau dieses Gefühl möchte Caspar auch nach Gütersloh bringen – Kunst, die nicht nur von einem Künstler stammt, sondern gemeinsam mit der Stadt entsteht. Besonders wichtig ist ihm dabei, auch Schulen und Kinder einzubeziehen und jungen Menschen zu zeigen, dass sie ihre Umgebung kreativ mitgestalten können.
Ursprünglich plante Caspar, seinen eigenen Graffiti-Stil umzusetzen, denn er kommt klassisch aus der Graffiti-Szene und sprühte lange unter seinem Künstlernamen »Cruse«. Doch gemeinsam mit seiner Frau kam er zu dem Schluss, dass reine Schriftzüge nicht alle Menschen erreichen. Also suchten sie nach einem Motiv, das generationsübergreifend funktioniert. Die Idee: Mario – eine Figur, die Jung und Alt kennen. So entstand ein farbenfrohes Motiv, im Tunnel an der Weberei, dass vielen Menschen einen Zugang zur Kunst ermöglicht und sofort positive Emotionen auslöst. So kam eine nette Oma mit Ihrem Rollator vorbei und hielt freudestrahlend Ihren Daumen hoch, Busse fuhren im Schleichtempo, um ihren Fahrgästen das imposante Graffiti zeigen zu können und Menschen wie du und ich kamen mit Caspar direkt ins Gespräch.


Caspar versteht seine Arbeit als verbindendes Element zwischen Stadt, Kunst und Menschen. Dieses Prinzip verfolgt er seit vielen Jahren. In den Niederlanden gestaltete er beispielsweise einen Tunnel am Bahnhof, in dem er verlorene Gegenstände – Schlüssel, Handys, Ausweise – als Motive integrierte. Die Idee kam direkt von den Menschen vor Ort. Wer dort vorbeigeht, erkennt sich wieder und fühlt sich angesprochen. Für Caspar ist das entscheidend: Sobald ein Kunstwerk eine persönliche Verbindung schafft, gehört es nicht mehr ihm allein – es wird zu einem Gemeinschaftswerk.
Heute arbeitet Caspar als Auftragskünstler. Wie viele Graffiti-Künstler begann er illegal, merkte jedoch schnell, dass er größere, inhaltlich starke Kunstwerke schaffen wollte. Er gründete seine eigene Firma und machte sich in den Niederlanden einen Namen. Nun ist es sein Ziel, auch in Deutschland – insbesondere in Gütersloh – langfristig Projekte umzusetzen.


COOLE PROJEKTE
Seine Arbeiten führten ihn bereits in viele Länder, darunter Dänemark, Schweden und Belgien. Besonders bekannt wurden seine großformatigen Porträts, etwa von Muhammad Ali oder Diego Maradona. Das Maradona-Porträt entstand nach dessen Tod an einem Skatepark in den Niederlanden und fand sogar international Beachtung bis nach Argentinien. Für Caspar gehören solche Orte – Skateparks, öffentliche Plätze – selbstverständlich zur urbanen Kunstkultur.
Foto: Tunnelprojekt für die stad Veenendaal (Niederlande)
Ein weiteres zentrales Thema seiner Arbeit ist der Umgang mit illegalem Graffiti. Caspar unterscheidet klar zwischen Vandalismus und Kunst. Viele Städte geben jährlich hohe Summen aus, um Graffiti zu entfernen. Sein Ansatz ist ein anderer: Statt graue Flächen immer wieder teuer zu reinigen, sollten sie gestaltet werden. Gemeinsam mit der Stadt entwickelte er die Idee, Tunnel künstlerisch zu bemalen und anschließend mit einem Anti-Graffiti-Coating zu versiegeln. So bleiben die Kunstwerke geschützt, und eventuelle Schmierereien lassen sich leicht entfernen. In der Praxis zeigt sich, dass die meisten Graffiti-Sprayer solche Kunstwerke respektieren.
Foto: Tunnelprojekt: Thema “Heute und Jetzt“ stad Rhenen (Niederlande)


Caspar betont immer wieder, dass Graffiti nicht gleich Graffiti ist. Was viele Menschen mit dem Begriff verbinden – unleserliche Schriftzüge und Schmierereien – sei nur ein kleiner Teil der Szene. Er selbst bezeichnet seine Arbeit eher als Streetart: großflächig, figurativ, oft fotorealistisch und mit klarer Botschaft. Für ihn ist Streetart eine moderne Form von Kunst im öffentlichen Raum, vergleichbar mit den großen Malern vergangener Jahrhunderte – nur eben auf der Straße.
Foto: Poträt für einen Optiker Ferron in Amersfoort (Niederlande)
Ein besonders wichtiges Anliegen ist ihm die Förderung junger Menschen. Caspar arbeitet mit Nachwuchskünstlern, gibt ihnen Aufträge, Verantwortung und Vertrauen. Er gründete zusätzlich ein Kollektiv, in dem unterschiedliche Talente zusammenarbeiten – vom Design über die Kundenkommunikation bis zur Umsetzung an der Wand. Dabei zählt für ihn nicht Perfektion, sondern Entwicklung. Jeder habe einmal klein angefangen.
Foto: Porträt Freie Graffiti zum Gendenken Diego Maradona Skatepark Amersfoort (Niederlande) Freies Graffiti mit meinem Künstlernamen CRUSE in Berlin (Deutschland) Graffiti-Jams


Neben großen Wandprojekten bietet Caspar auch Graffiti-Workshops an: Für Schulen, Jugendgruppen und Kindergeburtstage.
Dort lernen die Teilnehmer den respektvollen Umgang mit der Kunstform, entwerfen Skizzen und setzen diese auf legalen Flächen um.
Foto: Freies Graffiti-Porträt bei die Weberei Gütersloh (Deutschland)
Für Caspar ist das eine wichtige Bildungsarbeit, denn Graffiti lernt man nicht aus Büchern, sondern durch Übung, Austausch und Erfahrung.
Sein großer Traum sind riesige Fassaden – Hochhäuser, Industriegebäude, Flächen von 30 bis 50 Metern Höhe. Orte, die sichtbar sind und das Stadtbild nachhaltig verändern. Denn Farbe, so seine Erfahrung, verändert nicht nur Wände, sondern auch das Gefühl der Menschen.
Foto: Graffiti-Jams am HOF Ede (Niederlande), Freie Graffiti von der Mainzelmännchen gemacht zusammen mit der STRAATKAPERS Crew


Wo es bunt ist, fühlen sich Menschen wohler, sicherer und willkommen – und wer Lust auf eigene kreative Farbe hat, findet coole Töne in Spraydosen zum Ausprobieren bei Zig Zag in Gütersloh. Caspar Cruse möchte zeigen, dass Graffiti und Streetart keine Zerstörung bedeuten, sondern eine Chance: für Städte, für Gemeinschaft und für eine offenere, kreativere Welt.
Wir vom Carl sind mal wieder begeistert!
Foto: Porträt Freie Graffiti zum Gedenken Mohamed Ali Skatepark Amersfoort (Niederlande)










