TEXT: CARLMAKESMEDIA
Willkommen zur vierten »CARL CRIME STORY« Hier werden die dunkleren Kapitel von Gütersloh und Umgebung vom gebürtigen Gütersloher Bundeskriminalbeamten und legendären Profiler Karl Drenkelfort (59) beleuchtet. Spektakuläre Verbrechen, rätselhafte Mordfälle und Ereignisse – näher, als man denkt. Keine frei erfundenen Storys. Sondern Fälle, Schicksale und Ermittlungen, die bis heute nachwirken und auf wahren Begebenheiten basieren. Wir erzählen, was damals geschah, wie die Polizei ermittelte und welche Details noch immer unter die Haut gehen. Manche Fälle wurden gelöst, andere geben bis heute Rätsel auf. Lest mit - Rätselt mit bei der »CARL CRIME STORY« - manchmal ist die Realität fesselnder als jede Fiktion…
Manche Menschen verschwinden. Andere sorgen dafür, dass man sie nie wiederfinden soll.
Es war einer dieser Abende, an denen selbst der Regen zu schweigen schien.
Der Wind strich über den Linteler See in Gütersloh, zog lange Furchen durch das schwarze Wasser und ließ das Schilf rascheln wie flüsternde Stimmen. Blaulicht spiegelte sich in den Wellen. Feuerwehrleute standen regungslos auf dem Steg, während Taucher im Wasser nach einer Leiche suchten.
Chefermittler Karl Drenkelfort zog den Kragen seines Mantels hoch.
Er hasste Wasser.
Nicht, weil er nicht schwimmen konnte.
Sondern weil Wasser keine Zeugen kannte.
Neben ihm blieb seine Kollegin Lena Sommerfeld stehen.
„Seit zwanzig Minuten suchen sie.“
Karl nickte.
„Und?“
„Nichts.“
Sie gingen schweigend den Steg entlang.
Ein Einsatzleiter kam ihnen entgegen.
„Der Wagen gehört einem gewissen Thomas Berger. Unternehmer aus Gütersloh. Achtundvierzig. Verheiratet. Zwei Kinder.“
Karl blickte zum silbernen Mercedes.
Die Fahrertür stand offen.
Der Motor war kalt.
Auf dem Beifahrersitz lag eine zusammengefaltete Jacke.
Ordentlich.
Fast zu ordentlich.
„Persönliche Sachen?“
„Alles da.“
Der Feuerwehrmann öffnete eine Kunststoffkiste.
Brieftasche.
Ausweis.
Führerschein.
Armbanduhr.
Ehering.
Karl runzelte die Stirn.
„Auch der Ring?“
„Ja.“
Lena sah ihn an.
„Was?“
Karl antwortete leise.
„Menschen legen ihren Ehering nicht ab,
wenn sie sich das Leben nehmen.“
„Vielleicht doch.“
„Vielleicht.“
Er starrte auf den Ring.
„Aber sie polieren ihn vorher nicht.“
Stille.
Lena griff nach dem Ring.
Kein Kratzer.
Nicht einmal Fingerabdrücke.
Als hätte ihn gerade jemand sorgfältig
mit einem Tuch gereinigt.
Karl sah hinaus auf den Linteler See.
„Ich glaube wir suchen hier an der falschen Stelle.“
Lena schüttelte ungläubig den Kopf.
Drei Tage später war ganz Gütersloh überzeugt, dass Thomas Berger tot war.
Vor seinem Haus in der Thesings Allee stapelten sich Blumen.
Nachbarn umarmten seine Ehefrau.
In den sozialen Medien verbreiteten sich hunderte Beileidsbekundungen.
Karl mochte solche Gewissheiten nicht.
Sie kamen meistens zu früh.
Im Polizeipräsidium Gütersloh legte Lena eine dicke Akte auf den Tisch.
„Sein Leben sieht perfekt aus.“
Eigenes Haus.
Erfolgreiche Firma im Gewerbegebiet am Stadtring Nordhorn.
Zwei Autos. Mercedes und Ferrari.
Segelboot.
Mitglied im Golfclub.
Karl blätterte weiter.
„Perfekte Leben interessieren mich nicht.“
„Warum?“
„Weil sie fast nie perfekt sind.“
Dann blieb sein Finger auf einer Überweisung liegen.
85.000 Euro.
Bar ausgezahlt.
Vier Wochen vor dem Verschwinden.
Dann weitere 42.000 Euro.
Drei Tage später.
Noch einmal 60.000 Euro.
Immer bar.
„Fast zweihunderttausend Euro.“ Lena nickte.
„Niemand weiß, wo das Geld geblieben ist.“
Karl lehnte sich zurück.
„Jetzt wird es interessant.“
Die Witwe saß mit einer Tasse Tee am Esstisch.
Sie wirkte erschöpft.
Nicht gespielt.
Ehrlich.
„Hatte Ihr Mann Feinde?“
„Nein.“
„Schulden?“
„Nicht dass, ich wüsste.“
„Eine Geliebte?“
Die Frau schüttelte sofort den Kopf.
„Thomas liebte seine Familie.“
Karl beobachtete jede Bewegung.
Die Hände.
Die Augen.
Den Atem.
Nichts.
Sie glaubten jedes einzelne Wort.
Als sie das Haus verließen, gingen sie schweigend durch den Mohns Park.
Erst nach einigen Minuten sagte Lena:
„Ich glaube ihr.“
„Ich auch.“
„Und?“
Karl blieb stehen.
„Dann hat sie keine Ahnung.“


Die Spur kam aus einer völlig anderen Richtung.
Nicht vom See.
Nicht aus der Familie.
Sondern von einem kleinen Kiosk an der Kökerstraße.
Der Besitzer erinnerte sich sofort.
„Ja, der war hier.“
„Wann?“
„Am Abend.“
„Allein?“
„Ja.“
„Hat er etwas gekauft?“
„Zigaretten.“
Karl runzelte die Stirn.
„Hat Berger geraucht?“
Lena schaute in die Akte.
„Nein.“
„Welche Marke?“
Der Kioskbesitzer grinste.
„Gauloises.“
Karl sah Lena an.
„Französische Zigaretten.“
„Und?“
„Kaum jemand kauft sie zufällig.“
Der Mann dachte kurz nach.
„Moment…“
Er verschwand im Lager.
Kam mit einem Karton zurück.
Karl öffnete ihn.
Zwischen Zeitungen lag eine gefaltete Straßenkarte.
Frankreich.
Mehrfach benutzt.
Mehrfach gefaltet.
Karl strich mit dem Finger über die Knickstellen.
„Hier wollte wohl jemand nicht gefunden werden.“
Wochenlang passierte nichts.
Dann klingelte morgens um halb sechs das Telefon.
„Karl.“
„Lena, bist du es?“
„Wir haben ihn.“
„Wo?“
„Nicht ihn.“
„Was dann?“
„Sein Auto.“
„Das hatten wir doch schon am See.“
„Nein.“
„Er hatte noch ein weiteres Vehicle.“
Karl sprang aus dem Bett.
Die Spur führte nicht zurück zum Linteler See.
Sondern in eine Lagerhalle im Gewerbepark Avenwedde.
Zwischen alten Möbeln stand ein unscheinbarer Wohnwagen.
Zugelassen auf einen gewissen…
Thomas Berger.
Geburtsdatum.
Exakt identisch.
Karl lächelte.
„Jetzt wird‘s spannend.“
Karl Drenkelfort schaltete seine alten Kollegen vom Bundeskriminalamt mit ein.
Flughafenkameras.
Mautdaten.
Handymasten.
Nichts.
Thomas Berger schien sich in Luft aufgelöst zu haben.
Bis Lena zufällig etwas Seltsames entdeckte.
Eine Tankquittung.
18,40 Euro.
Bezahlt mit Bargeld.
Unscheinbar.
Doch auf der Rückseite stand handschriftlich:
Merci.
Karl hob den Zettel an.
„Warum schreibt ein deutscher Tankwart Merci?“
Lena grinste.
„Weil die Tankstelle hinter der Grenze bei Straßburg liegt.“
Karl nickte langsam.
Der Tote hatte Deutschland verlassen.
Die Suche wurde jetzt erweitert und Karl schaltete zusammen mit dem BKA auch noch Interpol ein.
Aber nichts passierte. Kein Fahndungsfortschritt. Die Spur verlief ins Uferlose.
Doch vier Monate später. Das Telefon klingelt.
Herr Drenkelfort – hier ist Juan Vernandez von Interpol.
Setzen Sie sich ins Flugzeug und kommen Sie nach Spanien.
Ein Campingplatz bei Valencia.
Ein älterer Mann spielte mit sich selbst Schach.
Bart
Sonnenhut
Brille.
Braune Haut.
Karl setzte sich ihm gegenüber.
„Wie wäre es, wenn wir die Partie gemeinsam zu Ende spielen?“
Der Mann nickte.
Karl Drenkelfort brauchte nich lange und stellte den König auf das Brett.
„Schachmatt“ Thomas.
„Oder soll ich lieber Thomas Berger sagen?“
Der Mann erstarrte.
Sekundenlang.
Dann lächelte er.
Lehnte sich entspannt in den Campingstuhl zurück.
„Ich habe mich gefragt, wann Sie kommen.“
„Woher wussten Sie, dass ich komme?“
„Weil perfekte Pläne eben nicht existieren.“ Karl nickte.
„Da haben Sie recht.“
Im Rückflug nach Deutschland saß Thomas Berger schweigend am Fenster.
Er hatte seinen Tod bis ins kleinste Detail geplant.
Das Auto am Linteler See.
Die Dokumente.
Der Ring.
Die Jacke.
Die Abschiedsstimmung.
Sogar die Blumen am Ufer hatte er indirekt einkalkuliert.
Nur eines hatte er vergessen.
Menschen verhalten sich chaotisch.
Er dagegen hatte alles perfekt vorbereitet.
Und genau das machte ihn verdächtig.
Später saßen Karl und Lena im Büro.
Und das alles nur, weil er das Leben in Deutschland nicht mehr aushielt.
Zu hohe Steuern, Wirtschaftskrise und das neue gewaltsame Stadtbild.
Er wollte nach so vielen Jahren harter Arbeit sein Lebensabend in Ruhe genießen und einfach nicht mehr gefunden werden.
Karl blickte, ob dieser Tatsache, sehr nachdenklich aus dem Fenster der
Citywache am Berliner Platz.
Lena fragte: „Hey Karl?“
„Was war eigentlich der erste Hinweis?“
Karl nahm einen Schluck Kaffee.
„Der Ring.“
„Der Ring?“
„Ein Mensch, der freiwillig aus dem Leben geht, denkt an vieles.“
Er stellte die Tasse ab.
„Aber ganz sicher nicht daran, seinen Ehering vorher zu polieren.“ Lena musste lachen.
„Du bist unmöglich.“
Karl blickte hinaus auf die nassen Plastersteine.
„Nein.“
Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Ich bin nur alt genug, um zu wissen, dass die Wahrheit selten geschniegelt und
gebügelt daherkommt.“

