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  • 16.12.2025
  • Ausgabe 118
  • RegioCarl

JAHRESENDE ZWISCHEN ZWEI STRAßEN

MANCHMAL FÜHRT DAS LEBEN UMWEGE, DAMIT WIR UNS ZUR RICHTIGEN ZEIT WIEDERFINDEN.
Regina Meier zu Verl Redakteurbild

Regina Meier zu Verl

Content-Redakteurin

Auf dem Dreiecksplatz, zwischen den letzten Lichterketten und dem Duft nach gebrannten Mandeln, blieb Julia plötzlich stehen. Ein vertrautes Lachen wehte ihr in den Rücken, eines, das sie seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Als sie sich umdrehte, wäre sie fast mit einem mürrischen Passanten zusammengestoßen. »Passen Sie doch auf!«, sagte er unfreundlich. Doch ihr Blick glitt schon an ihm vorbei – und blieb an einer Frau hängen, die sie aus einem alten Kapitel ihres Lebens kannte.

»Anna?«

Anna brauchte einen Moment, dann leuchtete ihr Gesicht auf. »Julia! Wie lange ist das her?«

Sie lachten, umarmten sich – und stellten verblüfft fest, dass sie beide seit Jahren nur wenige Straßen voneinander entfernt lebten. Wie oft hätten sie sich zufällig begegnen können? Wie oft waren sie wohl an denselben Schaufenstern vorbeigelaufen, zur selben Zeit am Markt gewesen?

»Komm«, sagte Anna schließlich und deutete auf das Café am Platz. »Lass uns reden. Ich glaub, wir haben viel nachzuholen.« Im warmen Innenraum setzten sie sich ans Fenster, beobachteten das Getümmel draußen und ließen sich Cappuccino und Kuchen bringen. Die Gespräche sprangen von Erinnerungen an alte WGPartys zu verpassten Chancen, von Lebenschaos zu stillen Momenten, in denen sie sich eigentlich voneinander Unterstützung gewünscht hätten.

Dann blieb Annas Blick plötzlich an Julias Notizbuch hängen. »Sag mal… das kommt mir bekannt vor! Das Cover…« Sie blätterte durch die Seiten, stockte, dann lachte sie leise. »Nein. Bitte sag mir nicht, dass du die Geschichten schreibst, die meine Mutter ausschneidet und in eine Kiste steckt?«

Julia zog eine Augenbraue hoch. »Dann bin ich das wohl.«

Anna schlug eine Seite auf, deren Ecken schon ein wenig umgeknickt waren. »Diese hier… die hab ich vor zwei Wochen ausgeschnitten. Weil ich dachte: Das bin ich. Oder wir.« Julia nickte langsam, berührt. »Die habe ich über uns geschrieben. Damals wusste ich ja nicht, dass wir uns wieder über den Weg laufen.«

»Ich hab so oft an dich gedacht«, sagte Anna leise. »Aber aus einem Monat wurde ein Jahr… und aus einem Jahr viele.«

Julia legte ihre Hand auf Annas. »Das soll uns nie wieder passieren. Abgemacht?« »Abgemacht.« Anna lächelte mit diesem warmen, alten Anna-Lächeln. »Und das neue Jahr fangen wir zusammen an. Kein Silvester mehr ohne dich.« In diesem Moment kam die Kellnerin mit zwei Sektgläsern. »Der Herr an der Theke lädt die Damen ein und wünscht einen guten Rutsch ins neue Jahr 2026.« Der Mann hob das Glas und nickte ihnen zu, als hätte er verstanden, dass er Zeuge eines seltenen Moments geworden war.

»Das ist ein Zeichen«, flüsterte Julia. »Ein sehr gutes«, ergänzte Anna.

Am Ende sei nur so viel verraten: Dieses Märchen ist kein Märchen. Und wer die beiden heute sieht, weiß genau, dass sie sich nie wieder aus den Augen verlieren werden.