TEXT: WOLFGANG HEIN | FOTOS: MATTHIAS KIRCHHOFF
Ein lebendiges Haus, einen Ort für Eigenbetätigung, Orientierung, Selbstbestimmung, für kritische Auseinandersetzung mit Umwelt und Gesellschaft, einen Umschlagplatz für Ideen, Meinungen und Beziehungen – so stellten sich die Gründer des soziokulturellen Zentrums »Alte Weberei« 1984 ihr Angebot an die Bürger vor. Was davon erreicht wurde, was Wunschtraum blieb, wird in den »Webereizeitungen« sichtbar. Beim Ausräumen der Weberei haben die Jungs von »Kult Kram« vor ein paar Tagen einen Stapel originale Webereizeitungen entdeckt und uns vom Magazin Carl zukommen lassen. Es sind Berichte, Nachrichten und Diskussionsbeiträge aus dem vorigen Jahrtausend. Dieser Fund bietet die Gelegenheit, einen unserer »Best Buddies« Wolfgang Hein anzusprechen, um uns quasi als Zeitzeuge einige Spotlights aus der Frühzeit näherzubringen. Und daraus – vielleicht – Ideen für die Neuausrichtung des Bürgerzentrums zu entwickeln. Die Zitate hat Wolfgang den vorliegenden Ausgaben nach dem Zufallsprinzip entnommen.

1984
AUSGABE FEBRUAR 1984
(Leider ist die erste Ausgabe nicht in der Sammlung enthalten)
Ein Beitrag in der Erstausgabe (»Wer den Frieden will, muss eine Gesellschaft besiegen lernen, die den Krieg erzeugt«) sorgt stadtweit für Aufregung. In einem Leserbrief gibt es massive Kritik: Die einseitige und unkritische Verkündigung radikaler Doktrinen verhindere die Unterstützung in der Bürgerschaft und dürfe nicht ohne Widerspruch bleiben, heißt es verkürzt. Die Redaktion reagiert: »Der Beitrag fällt aus dem Rahmen des kleinsten gemeinsamen Nenners, der in der Friedensbewegung gefunden werden musste.« Das sei ein Beitrag zur Bekämpfung von Kriegsursachen.
AUSGABE AUGUST 1984
Die Webereizeitung dokumentiert ausführlich die DGB-Veranstaltung »140 Jahre Weberaufstand in Schlesien – Industriearbeit gestern und heute«. Mit dabei der Liedermacher Dieter Süverkrüp, moderiert in Form einer szenischen Dokumentation von den Historikern Jörg Wollenberg und Arno Klönne. Mehr als einhundert Gewerkschafter nahmen an dieser neuen Form von Bildungsevent teil. Das Theater »Medusa« stellt sich und sein erstes Stück »Die Schlacht« von Heiner Müller vor.
AUSGABE NOVEMBER 1984
Kneipenchef Buddy Lüders reagiert in der Rubrik »Weberei intern« auf die Kritik eines Gastes. »Es hängt mir zum Hals raus, wenn die Leute immer nur von anderen alles verlangen und selbst unfähig sind, politisch oder kreativ in Erscheinung zu treten. Es scheint einfacher zu sein, Kritik zu üben, als selbst in Aktion zu treten.« Aber auch Lüders meint, dass das Haus und seine Angebote noch weiter wachsen müssten.
1985
AUSGABE SEPTEMBER 1985
Die Redaktion proklamiert einen Neustart – nach gerade mal einem Jahr Betriebszeit. Eine Grund-renovierung war notwendig, den Malereien an den Toilettenwänden ging es an die Tinte und das wi-derspenstige Parkett wurde aufgemöbelt. Ein Leser beklagt „Wer macht das beschissene Kulturpro- gramm? Im Vergleich zu Zweischlingen, Pappelkrug, Bunker Ulmenwall oder PC69?“ Gleich vier ver-schiedene Bildungswerke wollen sich fortan um das Bildungsangebot des Hauses kümmern.


1987
AUSGABE APRIL 1987
Klaus Vollmer, der drei Jahre lang die Webereizeitung betreute und auch sonst eine zuverlässige Größe im Leitungsteam war, kann wegen der finanziellen Lage des Kulturzentrums nicht weiter beschäftigt werden. Die Zeitung widmet ihm einen Nachruf auf sieben traurigschwarz grundierten Seiten mit exzessiver, aufdringlicher Schrift. Man könne nicht gleichzeitig den Zeitungssatz tippen, einen Film zeigen oder Telefonate entgegennehmen, heißt es. Aus dieser Haltung spreche die Verachtung der Besucher als Konsumenten.
AUSGABE JUNI 1987
Die Arbeitslosen-Selbsthilfe (ASH) bewirbt sich um die
Nutzung des Gebäudeteils V. Der Bereich, in dem die »Alte Weberei« drei Jahre lang Jugendarbeit für Menschen zwischen 14 und 25 Jahren angeboten hat, wird besetzt, weil »dafür jetzt keine Kohle mehr da ist«. Während die Zeitung erstellt wird, »stattet ein Haufen Leute aus der wohl bekannten Bielefelder Bleichstraße 143« den Besetzern einen Besuch ab. Bilanz: Mehrere Verletzte durch Bierflaschenwürfe, unzählige Scherben (darunter eine Lkw-Windschutzscheibe) und eine weitere Episode im Kapitel »Neonazis in Ostwestfalen.«
1990
AUSGABE 62 JANUAR 1990
Das Institut für kulturelle Bildung (IKB) stellt sein erstes Programm vor, mit dem es die freie Bildungsarbeit in der Alten Weberei bündeln und verstetigen will. Die Bielefelderin Karin Weiß steht fortlaufend als Ansprechpartnerin für die Kreativangebote (Töpfern, Bildhauerei, Fotografieren, freies Weben, Aquarellieren, Theaterworkshops, aber auch »Sextipps für Girls«) bereit. Erich, der treueste Kellner in der Kneipe, hat Geburtstag, wird 75 Jahre alt.
AUSGABE 64 MÄRZ 1990
Patrick Poch, später Spielfilm-Redakteur in der Abteilung Film, Familie und Serie des NDR, beendet seine Mitarbeit an der Webereizeitung mit einer pickepackevollen 60-seitige- Ausgabe und Ankündigungen des Konzertes von Mike Stern, eines Tanz-Solotheaters mit Hilke Kluth und dem Ausblick auf »eine Kindheit in 12 Bänden« – 12 neu aufgelegte Pixi-Bücher.


1993
AUSGABE FEBRUAR 1993
Die Ausgabe beginnt mit einem Nachruf auf den beliebten Zivildienstleistenden Uwe Geisenhanslüke, der nach 15 Monaten engagierter Arbeit »ins Leben entlassen wurde«. Der Zeitungs- und Tanzcafé-Zivi trat beim Zusammenfegen des Zappelfetenmülls und im engagierten Gespräch mit aufgeschlossenen Passanten (»Abreißen müsste man diesen Chaotenladen«) besonders hervor. Auf die bevorstehende Vereinsversammlung und ihre besonderen Aufgaben wird hingewiesen: Die »Alte Weberei« sollte sich wieder mehr einmischen, angesichts wahrnehmbarer gesellschaftlicher Veränderungen
ZUSAMMENFASSEND
Und vielleicht ist genau das das Auffälligste beim Querlesen durch vierzig Jahre Webereizeitung: Die Themen wechseln, die Namen auch – aber die Fragen bleiben erstaunlich stabil. Immer wieder ging es um Beteiligung, um Streitkultur, um den richtigen Ton zwischen Anspruch und Alltag. Um die ewige Unsicherheit, ob man nun Kultur macht, Politik, Nachbarschaftshilfe oder einfach nur einen Ort schafft, an dem Menschen sich begegnen dürfen.
Mal war die Weberei zu radikal, mal zu brav, mal zu laut, mal zu still, mal zu chaotisch und gelegentlich auch zu ordentlich. Sie war Kneipe, Bühne, Werkstatt, Klassenzimmer, Zuflucht, Reibungsfläche – und selten bequem. Genau darin lag vermutlich ihre eigentliche Funktion.


Die alten Ausgaben zeigen: Die Weberei war nie ein fertiges Konzept, sondern immer eine Baustelle. Ein Haus, das von denen definiert wurde, die gerade da waren, mitgemacht, widersprochen, gekellnert, diskutiert, getanzt oder sich beschwert haben. Und vielleicht ist das auch die leise Botschaft aus dem Stapel vergilbter Hefte: Soziokultur lässt sich nicht planen wie ein Programmheft. Sie entsteht jedes Mal neu, wenn jemand nicht nur fragt, was hier geboten wird – sondern was er oder sie selbst beitragen kann.
Die Gründer wollten 1984 einen Umschlagplatz für Ideen, Meinungen und Beziehungen. Vier Jahrzehnte später zeigt sich: Der Umschlagprozess ist nie abgeschlossen gewesen. Er läuft immer noch. Und wahrscheinlich ist genau das ein gutes Zeichen.

