TEXT: REGINA MEIER ZU VERL FOTOS: LECHNER ATELIER · BURCKHARD KRAMER STIFTUNG
Jedes Jahr warten viele Menschen darauf. Und dann stehen sie plötzlich wieder da – mitten in Wiedenbrück. Manche lächeln ihnen zu, andere setzen sich neben sie, Kinder nehmen sie ganz selbstverständlich an die Hand. Aus grauem Beton werden für einen Sommer Nachbarn, Gesprächspartner und Lieblingsfotomotive.
Sie sitzen auf einer Bank, lehnen an einem Brunnen oder stehen mitten in der Fußgängerzone. Sie lachen nicht laut, sie posieren nicht – und trotzdem bleiben die Menschen stehen. Manche setzen sich zu ihnen. Andere legen ihnen die Hand auf die Schulter. Kinder beginnen ganz selbstverständlich ein Gespräch. Für einen kurzen Moment verschwimmt die Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit. In diesem Jahr ziehen die Alltagsmenschen sogar gemeinsam los. In einer fröhlichen Polonaise am Seecafé scheint es fast, als hätten sie beschlossen, den Alltag für einen Moment hinter sich zu lassen.
Und genau das gelingt ihnen Jahr für Jahr auch bei uns Menschen. „Kommt einfach mit!“, scheinen sie zu sagen. Und wir folgen ihnen gern. Manchmal nur mit den Gedanken, viel öfter aber ganz bewusst. Wir machen uns auf den Weg, entdecken bekannte Gesichter wieder – und jedes Mal hüpft unser Herz ein kleines bisschen, wenn wir einem der Alltagsmenschen begegnen.
Sie sind nicht geschniegelt und geschminkt. Sie tragen das Leben im Gesicht. Manche tragen Badeanzug, andere Schirmmütze oder ein kariertes Hemd. Sie haben Falten, kleine Bäuche, kräftige Beine und Schultern, die Geschichten erzählen könnten. Sie sehen aus wie Menschen, denen wir jeden Tag begegnen. Vielleicht deshalb fühlen sie sich sofort vertraut an.


Die Alltagsmenschen wollen niemandem gefallen und keinem Schönheitsideal entsprechen. Sie zeigen das Leben, wie es ist – mit all seinen kleinen Eigenheiten. Gerade darin liegt ihre besondere Ausstrahlung. Wer ihnen begegnet, entdeckt oft ein Stück von sich selbst, den Nachbarn von gegenüber oder die Tante, die immer auf derselben Bank in der Sonne saß.
Das Besondere ist aber nicht nur, wie sie aussehen. Es ist wo sie stehen. Sie warten nicht in einem Museum auf Besucher. Sie sitzen auf Bänken, lehnen an Mauern oder stehen mitten auf einem Platz. Jeder darf sich zu ihnen setzen, sie aus der Nähe betrachten oder sie einfach in seinen Alltag aufnehmen. Vielleicht bleiben die Menschen gerade deshalb stehen. Nicht, weil die Figuren laut nach Aufmerksamkeit verlangen, sondern weil sie etwas zeigen, das im Trubel des Tages leicht verloren geht: einen stillen Moment, ein Lächeln, eine Begegnung oder die Kunst, einfach einmal nichts tun zu müssen.
Hinter den Alltagsmenschen stehen zwei Frauen, die nicht nur Mutter und Tochter sind, sondern über viele Jahre auch Seite an Seite gearbeitet haben: Christel und Laura Lechner.
Als Christel Lechner in den 1990er-Jahren begann, lebensgroße Betonskulpturen zu schaffen, ahnte wohl niemand, welchen Weg ihre Figuren einmal gehen würden. Was mit einer künstlerischen Idee begann, entwickelte sich zu einer Erfolgsgeschichte, die heute weit über die Grenzen Nordrhein-Westfalens hinaus Menschen berührt.
Laura Lechner ist mit den Alltagsmenschen buchstäblich aufgewachsen. Schon als junges Mädchen arbeitete sie im Atelier mit, beobachtete, lernte und brachte früh eigene Ideen ein. Nach ihrer Ausbildung zur Baukeramikerin führte sie ihr Weg an die Hochschule für Bildende Kunst in Saarbrücken und später an die Kunstakademie Düsseldorf. Dort wurde sie Meisterschülerin des Malers Peter Doig – eine Erfahrung, die bis heute ihre künstlerische Handschrift prägt.


Seit 2017 führt Laura Lechner das Atelier Lechnerhof in der Nähe von Witten in künstlerischer Verantwortung weiter. Dabei bewahrt sie den Gedanken ihrer Mutter und entwickelt ihn zugleich behutsam weiter. Die Alltagsmenschen bleiben unverwechselbar – und tragen doch immer wieder neue Ideen und kleine Geschichten in die Welt.
AUF EIN BLICK
Dank der Burckhard Kramer Stiftung kehren die Alltagsmenschen auch 2026 nach Wiedenbrück zurück. Und mit ihnen viele kleine Szenen, die uns zum Lächeln bringen, zum Innehalten einladen und zeigen, wie besonders der Alltag sein kann.
Ausstellungsort: Wiedenbrück · Künstlerinnen: Christel Lechner und Laura Lechner
Mehr erfahren: Über den QR-Code gelangen Sie direkt zur
Website des Ateliers Lechnerhof mit Informationen zu den Künstlerinnen, den Skulpturen und weiteren Ausstellungen.











