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  • 28.05.2026
  • Ausgabe 123
  • RegioCarl

CAFE TALK PART 9 MIT NIRGÜL KANTAR-DREESBEIMDIEKE

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FOTOS: PIERRE HEITMEYER TEXT: CARLMAKESMEDIA

Es gibt Menschen, die stehen in der Öffentlichkeit, von denen man nicht weiß, wer das ist – man hat das Gefühl jeder kennt sie. Aber wer ist das eigentlich? Wer ist die Person? Sie ist 1,56m groß, hat wollige lange goldbraune Haare, ist immer passend grell zu ihrem Outfit geschminkt und wandert durch Isselhorst, Gütersloh und viele internationale Städte. Beim CaféTalk interessieren uns genau diese Persönlichkeiten: jene, die Haltung zeigen, Entscheidungen treffen und ihre Stadt über Jahre hinweg prägen. Leute, die auch mal anecken. Keine Ja-Sager. Keine Duckmäuser. Nirgül Kantar-Dreesbeimdieke – ist so eine Person, bei der alles zur Sprache kommt, wenn man diesen außergewöhnlichen Menschen auf einen Kaffee einlädt und sich offen und ungezwungen austauscht. Unser Magazin Carl – Herausgeber Matthias Kirchhoff hat sich mit Nirgül im Café RinNes am Dreiecksplatz zu einem Gespräch getroffen, in dem Freude zum Ausdruck und alles offen zur Sprache kommt. Willkommen beim #9 CaféTalk mit Nirgül Kantar-Dreesbeimdieke

Matthias: Wer ist Nirgül Kantar-Dreesbeimdieke eigentlich?

Nirgül: Ich bin einfach Nirgül. Ich betitle mich selbst nicht als Künstlerin. Das dürfen andere Menschen tun. Aber für mich gibt es da keine Trennung. Nirgül heißt Kunst. Ich ARTme Kunst. Nicht nur auf Leinwänden oder bei Aktionen – sondern im Denken, im Fühlen und im Leben. Über Jahrzehnte hinweg sind daraus eine eigene patentierte Kunstart namens Nirglue©, Schutzmarken, internationale Projekte, eine gemeinnützige UG und Begegnungen mit Künstlerinnen und Künstlern aus Europa und Asien entstanden.

Matthias: Was darf ich unter Nirglue© verstehen?

Nirgül: Das ist eine sehr besonderen Technik mit tausenden einzelnen Klebstoffpunkten, aus denen transparente Skulpturen entstehen. Vieles davon entsteht nicht geplant. Es ist eher ein innerer Weg, der immer weitergewachsen ist. Echte Kunst entsteht nicht plötzlich. Sie entwickelt sich mit dem Leben.

Matthias: Wo kommen deine Wurzeln her?

Nirgül: Matthias, wenn du nach meinen Wurzeln fragst, dann liegt ihr Ursprung in der Türkei. Mein Ausweis ist deutsch. Ich lebe in Isselhorst. Aber in Wahrheit bin ich Europäerin durch und durch.

Matthias: Was machst du abseits der Kunst?

Nirgül: Ich liebe unseren Garten. Erde. Natur. Zeit mit meiner Familie. Aber in Wahrheit bin ich immer Nirgül. Es gibt keinen Knopfdruck. Du kannst Kunst und mich nicht voneinander trennen.

Matthias: Was bedeutet Heimat für dich – und welche Rolle spielt Isselhorst dabei?

Nirgül: Ich liebe unser Dorf. Ich nenne Isselhorst liebevoll mein Dörfchen. Für die Isselhorster scheint vieles, was mit mir und Kunst zu tun hat, inzwischen völlig normal zu sein.

Und genau das finde ich wunderschön. Dieses Vertraute. Dieses Menschliche. Durch das Dorf zu gehen und bekannte Gesichter zu sehen, bedeutet mir sehr viel. Heimat ist für mich aber nicht nur ein Ort. Heimat entsteht überall dort, wo Menschen sich mit Respekt und Achtung begegnen. Wenn ich Künstlerkollegen in anderen Ländern besuche, durch Europa reise oder bei meiner Familie in der Türkei bin, spüre ich oft ebenfalls Heimat. Letztendlich ist Europa meine Heimat.

Matthias: Gibt es einen Ort, an dem du besonders gut abschalten oder neue Ideen bekommen kannst?

Nirgül: Ja – wenn ich mal Zeit habe, genieße ich mit meinem Mann Stephan oder auch mit einer guten Freundin die DucktailBar im Parkhotel Gütersloh. Dort entstehen oft schöne Gespräche, Ruhe und manchmal auch neue Gedanken.

Matthias: Wie würden Freunde dich in drei Worten beschreiben?

Nirgül: Frei. Wahrhaftig. Unaufhaltbar.

Matthias: Was macht dir im Alltag am meisten Freude?

Nirgül: Ich liebe diese stillen Nachtstunden zwischen zwei und vier Uhr morgens, wenn alles schläft. Diese Zeit fühlt sich für mich oft fast magisch an. Die Welt wird ruhig. Keine Termine. Keine Geräusche. Keine Erwartungen. Nur Gedanken, Gefühle und dieser freie Raum, in dem plötzlich neue Ideen entstehen dürfen.

Matthias: Nirgül, wenn man deine Aktionskunst beschreiben müsste – ist sie eher laut oder leise?

Nirgül: Sie ist beides. Sichtbar – aber nicht leer laut. Meine Kunst muss nicht schreien, um wahrgenommen zu werden. Mich interessiert viel mehr dieser kurze Augenblick, in dem Menschen plötzlich innehalten. Wenn für einen Moment alles langsamer wird. Wenn Menschen fühlen statt nur schauen. Ich provoziere nicht, um zu zerstören. Ich liebe es, mit Schönheit, Irritation oder einem unerwarteten Moment einen Impuls auszulösen. Und genau dort öffnet sich dann meine Kunstwelt. Was viele überrascht: Es gibt bei mir keine Wiederholungen in Kunstaktionen. Jeder Moment entsteht neu. Kunst ist lebendig.

Matthias: Du holst seit Jahren internationale Kunst nach Gütersloh und Isselhorst. Warum machst du das eigentlich?

Nirgül: Ich finde den Gedanken wunderschön, dass internationale Begegnungen nicht nur in großen Metropolen stattfinden müssen. Sondern auch mitten in Gütersloh, Borgholzhausen, Versmold und Isselhorst. Kunst verbindet Menschen oft schneller als Sprache. Genau das durfte ich über viele Jahre mit Künstlerinnen und Künstlern aus Europa und Asien erleben. Für mich entstehen daraus keine ‚Events‘. Sondern echte Begegnungen zwischen Menschen, Kulturen und Lebensgeschichten. Und gerade in dieser Zeit reicht es nicht mehr, nur über Verbindung und Menschlichkeit zu sprechen. Man muss sie leben.

Matthias: Warum hast du dich nie für den einfacheren Weg entschieden – also einfach »nur« Bilder zu malen?

Nirgül: Weil es in der wahren Kunst keinen einfachen Weg gibt. Kunst ist kein Knopfdruck, kein schneller Erfolg. Kein schönes Bild – und plötzlich wird man entdeckt. Wahre Kunst ist ein innerer Prozess. Ein Weg voller Entwicklung, Zweifel, Mut, Einsamkeit, Erfahrungen, Veränderungen und einer ganz großen Portion Respekt vor der Kunst. Die Kunstaktion war schon immer in mir. Aber man muss bereit sein, die eigene Komfortzone immer wieder zu überschreiten. Das braucht Lebenserfahrung und Reife. Natürlich habe ich schon sehr früh Kunstaktionen gemacht – in Europa und auch in Asien. Unter anderem auf den Bosporus-Brücken in Istanbul gegen Kindesmissbrauch – lange bevor Social Media überhaupt diese Reichweite hatte. Für mich war Kunst nie nur Malerei.

Matthias: Wie viel Isselhorst steckt in deiner Kunst?

Nirgül: Isselhorst beeinflusst meine Kunst nicht direkt im klassischen Sinne. Ich male nicht das Dorf oder arbeite bewusst mit regionalen Symbolen. Aber was Isselhorst und ich gemeinsam haben, ist diese Bodenhaftung. Dieses Menschliche. Dieses Ruhige. Ich glaube, genau das gibt mir die Kraft, gleichzeitig so frei und international denken zu können – europäisch.

Matthias: Du arbeitest oft im öffentlichen Raum. Ist Kunst heute überhaupt noch gewollt – oder wird sie nur geduldet?

Nirgül: Da würde ich fast gerne mit einer Gegenfrage antworten: Was wäre eine Gesellschaft ohne Kunst? Gerade heute. In einer Zeit voller Geschwindigkeit, Krisen, Reizüberflutung und Distanz. Kunst schafft etwas, das vielen Menschen verloren geht: einen Impuls. Wahre Kunst war noch nie dafür gedacht, nur dekorativ zu sein. Kunst darf Menschen aus ihrem gewohnten Blick herausholen. Und genau deshalb gehört Kunst für mich mitten in den öffentlichen Raum. Nicht versteckt. Nicht nur hinter weißen Wänden. Sondern mitten zwischen Menschen. Ob Kunst gewollt oder manchmal nur geduldet wird, war für mich persönlich nie die entscheidende Frage. Die wichtigere Frage ist: Berührt sie Menschen? Bringt sie Menschen für einen Augenblick zum Innehalten?

Matthias: Viele Künstler klagen darüber, dass in Gütersloh Kultur gern gefeiert wird, solange sie nicht aneckt. Würdest du das unterschreiben?

Nirgül: Ich glaube, freie Kunst wird oft gerne gefeiert, solange sie gut kontrollierbar bleibt. Wirklich unabhängige Kunst fordert natürlich auch Strukturen heraus. Und manchmal hatte ich persönlich das Gefühl, dass in leitenden kulturellen Positionen die echte Empathie für heimische Künstlerinnen und Künstler nicht immer wirklich vorhanden ist. Dabei geht es gar nicht nur um Gütersloh. Das betrifft viele Städte und Länder. Oft wird die sichtbare Oberfläche von Kultur wahrgenommen – Veranstaltungen, Außendarstellung oder Projekte. Aber die Tiefe dahinter bleibt häufig unsichtbar: Die Einsamkeit. Die Unsicherheit. Die Opfer. Die lange Hingabe. Und manchmal entsteht dadurch leider auch eine gewisse Distanz oder ein Blick von oben herab gegenüber den Menschen, die Kunst tatsächlich leben. Dabei stelle ich mir oft eine ganz einfache Frage: Ist leitenden kulturellen Positionen wirklich bewusst, dass Kultur zuerst durch die Künstlerinnen und Künstler entsteht? Dass es ohne diese Menschen viele dieser Strukturen, Abteilungen oder Ämter überhaupt nicht geben würde? Kultur entsteht nicht zuerst in Büros. Sie entsteht in Ateliers, auf Straßen, in Einsamkeit, in Mut, in echten Lebensprozessen.

Matthias: Mit Projekten wie dem »Europas Künstlerweg®«, »Rolling Art« oder der internationalen »Platzbesetzung« hast du Kunst mitten zu den Menschen gebracht. Warum ist dir genau das so wichtig?

Nirgül: Ich habe nie darauf gewartet, dass irgendjemand kommt und sagt: ‚Jetzt darfst du.‘ Genau das war nie mein Weg. Wenn ich etwas in der Gesellschaft kritisch sehe, dann setze ich es ins Positive um.

Matthias: Muss Kunst heute provozieren, um überhaupt wahrgenommen zu werden?

Nirgül: Nein. Für mich kann Provokation auch etwas sehr Schönes sein. Etwas, das Menschen überrascht, berührt oder für einen kurzen Moment aus ihrem Alltag herausholt. Das Einzige, was für mich wirklich zählt, ist dieser Augenblick: Nehme ich einen Menschen mit in meine Kunstwelt oder nicht?

Matthias: Du hattest auch öffentliche Diskussionen rund um Ideen und Urheberrechte in der Kunst. Wird Kunst unter Künstlern manchmal härter bekämpft als unterstützt?

Nirgül: Ich glaube, viele Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich viel zu wenig mit ihren eigenen Urheberrechten und gewerblichen Schutzrechten. Und das sage ich nicht aus Arroganz, sondern aus Erfahrung. Wenn jemand über Jahrzehnte hinweg eine eigene Kunstart entwickelt, sie schützen lässt und dafür sogar ein Patent erhält, dann sollte das selbstverständlich respektiert werden. Gerade in der Kunst geht es nicht nur um Gefühle und Kreativität, sondern auch um geistiges Eigentum, Ideen und jahrelange Entwicklungsprozesse.

Und ja – es gab tatsächlich mehrere Versuche, Konzepte rund um Europas Künstlerweg® / Europe’s Artists’ Trail® in ähnlicher Form zu kopieren. Aber ehrlich gesagt ärgert mich das nicht. Im Gegenteil. Für mich ist das eher eine stille Anerkennung dafür, dass Menschen gespürt haben, wie stark die Idee und das Konzept dahinter sind. Am Ende bleibt es nur eine Kopie.

Matthias: Gibt es in Gütersloh zu viel »Netzwerken« und zu wenig echte Förderung?

Nirgül: Netzwerken ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Kunst und Kultur leben von Begegnungen zwischen Menschen. Förderung sollte keine Einbahnstraße sein. Sondern ein gemeinsames Wachstum zwischen Kunst, Menschen und Stadt.

Matthias: Haben Künstler in kleineren Städten generell schlechtere Chancen als in Berlin oder Köln?

Nirgül: Nein, das glaube ich nicht. Ich sitze hier auch in meinem kleinen Dörfchen Isselhorst. Wahre Kunst entsteht nicht automatisch durch einen Standort. Sie entsteht durch Menschen, die bereit sind, ihren eigenen Weg wirklich zu leben.

 

Matthias: Was war der bislang frustrierendste Moment Ihrer künstlerischen Laufbahn?

Nirgül: Natürlich gab es auf meinem Weg auch Momente, die sehr schmerzhaft waren. Vor allem dann, wenn Vertrauen verletzt wurde. Gerade wenn man mit offenem Herzen durchs Leben geht und Menschen ehrlich begegnet, treffen einen bestimmte Erfahrungen natürlich tief. Früher hätte mich so etwas wahrscheinlich viel länger verletzt. Heute sehe ich das anders und kann mich bei diesen Menschen bedanken. Rückblickend kann ich tatsächlich sagen, dass gerade diese Menschen mich unglaublich haben wachsen lassen.

Matthias: Hast du jemals darüber nachgedacht, Gütersloh als Künstlerin zu verlassen?

Nirgül: Ja, natürlich gab und gibt es immer wieder wunderbare Angebote aus dem Ausland. Aber nein – ich bleibe unserem schönen Isselhorst erhalten. So sehr ich Europa liebe und unterwegs bin, brauche ich trotzdem diesen wunderbaren Ort, dieses Vertraute und diese Bodenhaftung.

Matthias: Welche Frage wurdest du nie gefragt, obwohl sie längst überfällig wäre? Und wie würdest du diese Frage beantworten?

Nirgül: Was gibst du als Mensch eigentlich alles für die Kunst auf? Die Frage würde mich wahrscheinlich tief berühren. Denn viele Menschen sehen die Projekte, die Reisen, die Kunstaktionen oder die Öffentlichkeit. Aber nur wenige sehen, was ein Mensch innerlich alles trägt, um so einen Weg wirklich über Jahrzehnte zu gehen. Und ehrlich gesagt glaube ich, dass ich diesen Weg ohne meine Familie niemals hätte so leben können.

Matthias: Und ganz zum Schluss: Was bedeutet Glück für dich?

Nirgül: Ich habe das große Glück, Menschen an meiner Seite zu haben, die mich genau so akzeptieren und lieben, wie ich bin.Mein Ehemann Stephan meine Tochter Nuray und mein Schwiegersohn Cedric. Sie versuchen nicht, mich zu verändern oder kleiner zu machen. Sie geben mir das unglaubliche Geschenk – sie lassen mich Nirgül sein. Und was mich über viele Jahre tief beschäftigt hat, ist die fehlende Wahrnehmung und die Respektlosigkeit, die heimische Künstlerinnen und Künstler oft tagtäglich erleben. Nicht nur hier. Sondern in allen Ländern.

Genau daraus entstand auch Europas Künstlerweg® / Europe’s Artists’ Trail®. Nicht als Protest. Sondern als Bewegung für Begegnung, Wahrnehmung, europaweite Vernetzung und Menschlichkeit.

Matthias: Europas Künstlerweg® / Europe’s Artists’ Trail®, bei dem du mit einer Staffelei durch Europa wandertest, war ein riesiges Projekt. Woher kommt dieser Drang, Kunst nicht nur auszustellen, sondern regelrecht unterwegs zu leben?

Nirgül: Weil ich Kunst nie als etwas Statisches empfunden habe. Kunst war für mich immer Bewegung. Der Gedanke, mit einer Staffelei durch Europa zu reisen, Künstlerinnen und Künstler direkt in ihren Ländern zu besuchen und Kunst genau dort entstehen zu lassen, wo Menschen wirklich leben, fühlte sich für mich natürlich an. Viele hielten dieses Projekt am Anfang für nicht realisierbar. Aber wahre Kunst entsteht selten auf klassischen Wegen. Mich hat nie interessiert, Kunst nur auszustellen. Mich interessiert das echte Leben. Die Gespräche mit dem Normalbürger. Menschen an der Basis. Die Unterschiede zwischen Kulturen – und gleichzeitig dieses Menschliche, das überall gleich ist.

Matthias: Was hat diese Reise in dir persönlich verändert?

Nirgül: Diese Reise hat meinen Blick auf Menschen noch einmal vollkommen verändert. Ich habe erlebt, wie ähnlich wir uns trotz unterschiedlicher Kulturen, Sprachen und Ländern eigentlich sind. Wie sehr Menschen sich nach Begegnung, Respekt und echtem Wahrgenommen werden sehnen. Gleichzeitig hat diese Reise mich noch klarer darin gemacht, wer ich bin und warum ich diesen Weg gehe.

Matthias: Du hast mit internationalen Kunstprojekten Menschen nach Gütersloh geholt. Fühlt man sich von der Stadt dabei wirklich unterstützt?

Nirgül: Die Menschen im Kreis Gütersloh sind für Kunst tatsächlich sehr offen. Das kann ich aus voller Überzeugung sagen. Gerade durch die vielen Begegnungen im öffentlichen Raum habe ich erlebt, wie neugierig, herzlich und offen Menschen hier reagieren. Das bedeutet nicht automatisch, dass alle leitenden Positionen im Kulturbereich dieselbe Offenheit mitbringen. Dort wünsche ich mir manchmal mehr fachliche Tiefe, mehr echtes Verständnis für bildende Kunst und mehr Nähe zu den heimischen Künstlerinnen und Künstlern. Kunst nur organisatorisch zu begleiten und Kunst wirklich zu verstehen, sind aus meiner Sicht zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Gleichzeitig bin ich fest davon überzeugt, dass sich im Kulturbereich in Zukunft auch vieles positiv verändern wird. Und wir haben mit Matthias Trepper einen wunderbaren Bürgermeister. Deshalb freut es mich sehr, dass er langsam wieder zurück in sein Amt und seinen Alltag findet. Gesundheit geht immer vor.

Matthias: Was war damals schwieriger: Künstler aus Europa zusammenzubringen oder die Menschen in Gütersloh dafür zu begeistern?

Nirgül: Ehrlich gesagt war es deutlich einfacher, die heimischen Künstlerinnen und Künstler in den Ländern zu gewinnen, durch die ich gereist bin. Viele kannten mich vorher überhaupt nicht. Und trotzdem entstand oft sofort Vertrauen, sobald wir uns persönlich begegnet sind. Vielleicht, weil Menschen gespürt haben, dass ich nicht aus touristischen Gründen dort war. Sondern aus echter Wertschätzung für ihre Kunst und ihre Kultur. Genau daraus entstanden dann oft sehr tiefe Begegnungen. Gleichzeitig glaube ich fest daran, dass auch viele Künstlerinnen und Künstler aus Gütersloh und dem Kreis Gütersloh gerne Teil solcher internationalen Vernetzungen gewesen wären. Und ich hätte sie von Herzen gerne dabei gehabt. Denn die Kunst hier ist unglaublich facettenreich. Egal ob bildende Kunst, Musik, darstellende Kunst oder andere kreative Bereiche – es gibt hier viele talentierte Menschen. Ich selbst war immer offen für eine Zusammenarbeit. Gerade inter-nationale Vernetzungen brauchen auch strukturelle Unterstützung, Fördermöglichkeiten und Menschen in leitenden Positionen, die solche Wege mittragen möchten. Denn dadurch hätten heimische Künstlerinnen und Künstler die Möglichkeit gehabt, sich in den vielen Ländern zu vernetzen, die Europas Künstlerweg® / Europe’s Artists’ Trail® inzwischen erreicht hat – mit Ausstellungen, Begegnungen oder Konzerten. Und genau darin liegt für mich die eigentliche Kraft von Kultur: Menschen miteinander zu verbinden – über Grenzen hinweg. Ich sehe die Zukunft der Zusammenarbeit zwischen der Stadt Gütersloh und mir trotzdem positiv. Besonders dann, wenn der Kulturbereich wieder stärker von echter Nähe zur bildenden Kunst, Empathie und offenem Austausch geprägt wird.

Matthias: Wie ehrlich ist die Kulturförderung in Gütersloh aus deiner Sicht wirklich?

Nirgül: Ich glaube, Kulturförderung darf nicht nur aus schönen Worten, Veranstaltungen oder Außendarstellung bestehen. Wirkliche Kulturförderung beginnt dort, wo heimische Künstlerinnen und Künstler ernst genommen, verstanden und langfristig unterstützt werden. Bei aller Kritik darf man aber auch eines nicht vergessen: Es gibt in Gütersloh wunderbare Menschen und Institutionen, die Kultur ehrlich unterstützen.

Matthias: Hat die freie Kunstszene hier genug Räume – oder redet die Politik seit Jahren nur darüber?

Nirgül: Freie Kunst braucht Räume – nicht nur Gebäude. Sondern auch Offenheit, Vertrauen und Menschen, die bereit sind, ungewöhnliche Wege mitzugehen. Ich glaube, dass viele Künstlerinnen und Künstler sich mehr echte Möglichkeiten zur Vernetzung, Sichtbarkeit und Zusammenarbeit wünschen. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass sich genau dort in Zukunft einiges verändern kann. Gütersloh hat viele kreative Menschen mit unglaublich viel Potenzial. Und ich freue mich auf den Moment, wenn der Kulturbereich wieder stärker von echter Nähe zur Kunst und zu den heimischen Künstlerinnen und Künstlern geprägt wird. Dann können daraus wunderbare neue Wege entstehen.

Matthias: Du kennst auch die Zusammenarbeit mit dem scheidenden Kulturdezernenten Andreas Kimpel. Ist er jemand, der Kunst wirklich versteht – oder eher Kultur verwaltet?

Nirgül: Kunst organisatorisch zu begleiten und Kunst wirklich tief zu verstehen, sind aus meiner Sicht zwei unterschiedliche Dinge. Gerade bildende Kunst entsteht oft aus intensiven Lebensphasen, aus innerer Entwicklung, aus Mut, Hingabe und einer tiefen Auseinandersetzung mit dem Leben. Dafür braucht es nicht nur Verwaltung. Sondern auch Empathie, Nähe und ein echtes Gefühl für die Menschen hinter der Kunst.

Matthias: Hast du das Gefühl, dass mutige Kunstprojekte in kleineren Städten schneller belächelt als gefördert werden?

Nirgül: Ich persönlich wurde noch nie belächelt, wenn ich ein Projekt vorgestellt habe. Die Menschen, die mich wirklich kennen, wissen meistens sehr schnell: Wenn Nirgül von etwas überzeugt ist, dann zieht sie es auch durch. Deshalb glaube ich nicht, dass mutige Projekte automatisch an kleineren Städten scheitern.

Matthias: Was fehlt Gütersloh kulturell am meisten?

Nirgül: Gütersloh fehlt es kulturell nicht an talentierten Menschen. Ich halte die heimische Kunstszene für unglaublich facettenreich und voller Potenzial. Die eigentliche Frage ist für mich eher: Wie viel von diesem Potenzial wird wirklich gesehen, gefördert und entfaltet?

Matthias: Was machst du abseits der Kunst?

Nirgül: Ich liebe unseren Garten. Erde. Natur. Zeit mit meiner Familie. Aber in Wahrheit bin ich immer Nirgül. Es gibt keinen Knopfdruck. Du kannst Kunst und mich nicht voneinander trennen.

Matthias: Was bedeutet Heimat für dich – und welche Rolle spielt Isselhorst dabei?

Nirgül: Ich liebe unser Dorf. Ich nenne Isselhorst liebevoll mein Dörfchen. Für die Isselhorster scheint vieles, was mit mir und Kunst zu tun hat, inzwischen völlig normal zu sein. Und genau das finde ich wunderschön. Dieses Vertraute. Dieses Menschliche. Durch das Dorf zu gehen und bekannte Gesichter zu sehen, bedeutet mir sehr viel. Heimat ist für mich aber nicht nur ein Ort. Heimat entsteht überall dort, wo Menschen sich mit Respekt und Achtung begegnen. Wenn ich Künstlerkollegen in anderen Ländern besuche, durch Europa reise oder bei meiner Familie in der Türkei bin, spüre ich oft ebenfalls Heimat. Letztendlich ist Europa meine Heimat.

Matthias: Gibt es einen Ort, an dem du besonders gut abschalten oder neue Ideen bekommen kannst?

Nirgül: Ja – wenn ich mal Zeit habe, genieße ich mit meinem Mann Stephan oder auch mit einer guten Freundin die DucktailBar im Parkhotel Gütersloh. Dort entstehen oft schöne Gespräche, Ruhe und manchmal auch neue Gedanken.

Matthias: Wie würden Freunde dich in drei Worten beschreiben?

Nirgül: Frei. Wahrhaftig. Unaufhaltbar.

Matthias: Was macht dir im Alltag am meisten Freude?

Nirgül: Ich liebe diese stillen Nachtstunden zwischen zwei und vier Uhr morgens, wenn alles schläft. Diese Zeit fühlt sich für mich oft fast magisch an. Die Welt wird ruhig. Keine Termine. Keine Geräusche. Keine Erwartungen. Nur Gedanken, Gefühle und dieser freie Raum, in dem plötzlich neue Ideen entstehen dürfen.

Matthias: Nirgül, wenn man deine Aktionskunst beschreiben müsste – ist sie eher laut oder leise?

Nirgül: Sie ist beides. Sichtbar – aber nicht leer laut. Meine Kunst muss nicht schreien, um wahrgenommen zu werden. Mich interessiert viel mehr dieser kurze Augenblick, in dem Menschen plötzlich innehalten. Wenn für einen Moment alles langsamer wird. Wenn Menschen fühlen statt nur schauen. Ich provoziere nicht, um zu zerstören. Ich liebe es, mit Schönheit, Irritation oder einem unerwarteten Moment einen Impuls auszulösen. Und genau dort öffnet sich dann meine Kunstwelt. Was viele überrascht: Es gibt bei mir keine Wiederholungen in Kunstaktionen. Jeder Moment entsteht neu. Kunst ist lebendig.

Matthias: Du holst seit Jahren internationale Kunst nach Gütersloh und Isselhorst. Warum machst du das eigentlich?

Nirgül: Ich finde den Gedanken wunderschön, dass internationale Begegnungen nicht nur in großen Metropolen stattfinden müssen. Sondern auch mitten in Gütersloh, Borgholzhausen, Versmold und Isselhorst. Kunst verbindet Menschen oft schneller als Sprache. Genau das durfte ich über viele Jahre mit Künstlerinnen und Künstlern aus Europa und Asien erleben. Für mich entstehen daraus keine ‚Events‘. Sondern echte Begegnungen zwischen Menschen, Kulturen und Lebensgeschichten. Und gerade in dieser Zeit reicht es nicht mehr, nur über Verbindung und Menschlichkeit zu sprechen. Man muss sie leben.

Matthias: Warum hast du dich nie für den einfacheren Weg entschieden – also einfach »nur« Bilder zu malen?

Nirgül: Weil es in der wahren Kunst keinen einfachen Weg gibt. Kunst ist kein Knopfdruck, kein schneller Erfolg. Kein schönes Bild – und plötzlich wird man entdeckt. Wahre Kunst ist ein innerer Prozess. Ein Weg voller Entwicklung, Zweifel, Mut, Einsamkeit, Erfahrungen, Veränderungen und einer ganz großen Portion Respekt vor der Kunst.

Die Kunstaktion war schon immer in mir. Aber man muss bereit sein, die eigene Komfortzone immer wieder zu überschreiten. Das braucht Lebenserfahrung und Reife. Natürlich habe ich schon sehr früh Kunstaktionen gemacht – in Europa und auch in Asien. Unter anderem auf den Bosporus-Brücken in Istanbul gegen Kindesmissbrauch – lange bevor Social Media überhaupt diese Reichweite hatte. Für mich war Kunst nie nur Malerei.

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